Lovecrafts Vermächtnis: The Thing

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Im Grunde ist John Carpenters „The Thing“ aus dem Jahr 1982 ein Vetter von Ridley Scotts „Alien“: Beide Filme gelten als Meilensteine des Sci-Fi-Horror-Genres und beide Filme gelten als die besten Lovecraft-Adaptionen, die nicht direkt auf Lovecraft basieren, aber viel mit „At the Mountains of Madness“ gemein haben. Auf „The Thing“ trifft dies sogar noch in größerem Maße zu, denn Handlungsort von Film und Novelle ist derselbe: Die Antarktis. Während bei Lovecraft ein Forscherteam der Miskatonic University am Südpol nicht nur Berge, die höher als der Everest sind, findet, sondern auch Spuren einer vormenschlichen Zivilisation, ist Carpenter ein wenig bescheidener. Die Forscher um R. J. MacReady (Kurt Russel) beobachten, wie zwei Norweger mit einem Helikopter versuchen, einen Hund zu töten. Einer der Norweger jagt sich mitsamt dem Hubschrauber selbst in die Luft, der andere wird von MacReady schließlich erschossen, um die Sicherheit zu gewährleisten, während der Hund mit in die Station darf. Die Forscher untersuchen auch die Station der Norweger und finden dort eine deformierte Leiche, die sie zur Untersuchung mitnehmen. Beides erweist sich als Fehler, denn sowohl Hund als auch Leichnam mutieren. MacReady und seine Kumpanen müssen feststellen, dass es sich um ein Alien handelt, dass viele Jahrtausende unter dem Eis gefangen war und in der Lage ist, andere Wesen sowohl zu imitieren als auch zu assimilieren.

Schon an dieser Handlungszusammenfassung zeigt sich: Im Grunde ist „The Thing“ eine heruntergebrochene Version von „At the Mountains of Madness“ – die gesamte mythologische Komponente, die bei „Alien“ zumindest noch ansatzweise vorhanden ist, fehlt hier völlig. Dennoch ist es dieselbe Furcht, die sowohl bei Lovecraft als auch bei Carpenter als Katalysator fungiert: Die Furcht vor dem Unbekannten, dem Unverständlichen und Unbeschreiblichen, die kosmischen Horror zumindest mit ausmacht. Das titelgebende „Ding“ ist für die Forscher fremdartig und unverständlich. Ebenso wie die Großen Alten besitzt es das Potential, die Welt auf seine Weise zu zerstören. Mehr noch, zwar kann man das Ding sehen und wahrnehmen, aber seine wahre Gestalt, so es denn überhaupt eine besitzt, zeigt es nie. Ähnlich wie Yog-Sothoth oder Nyarlathotep ist sein Äußeres im konstanten Wandel. Und natürlich erinnert es ein wenig an die als „formlos“ beschriebenen Shoggothen. Übermäßige Splatter-Effekte sind natürlich weniger in Lovecrafts Werken vertreten, passen aber hier, da sie im Dienst der Geschichte stehen und nicht zum Selbstzweck verkommen. Unabhängig davon sind die praktischen Effekte, die hier bei den Metamorphosen des Dings zum Einsatz kommen, nach wie vor äußerst beeindruckend.

Insgesamt ist „The Thing“ ein fast schon nihilistischer Film, der ebenso wenig ein Happy-End zulässt wie die meisten Lovecraft-Geschichten. Auch in der Reaktion der menschlichen Protagonisten findet sich der Schriftsteller aus Providence wieder. Wie Lovecrafts Figuren wachsen und lernen MacReady und Co. nicht. Stattdessen nähern sie sich im Angesicht des Schreckens dem Wahnsinn an. Schon zu Beginn des Films zeigt MacReady einen gewissen Kontrollzwang, der im Verlauf des Films noch stärker wird und schließlich dazu führt, dass er einen unschuldigen, nicht infizierten Kollegen erschießt. Und noch ein weiteres kleines Details hat „The Thing“ mit den meisten Lovecraft-Geschichten gemein: Frauen spielen keine Rolle.

Inwiefern „The Thing“ tatsächlich direkt von Lovecraft beeinflusst wurde, ist jedoch diskutabel. Einerseits gehört „The Thing“ zu einer inoffiziellen Trilogie apokalyptischer Carpenter-Filme, deren spätere Teile deutliche von Lovecraft beeinflusst wurden (der Titel „In the Mouth of Madness“ ist ein sehr eindeutiger Hinweis), andererseits basiert der Film auf der Novelle „Who Goes There?“. Ich habe dieses Werk des amerikanischen Sci-Fi-Autoren John W. Campbell jr. zwar bisher nicht gelesen, aber es handelt sich wohl um eine relativ vorlagengetreue Adaption. Man sollte allerdings auch beachten, dass „Who Goes There?“ nur zwei Jahre nach „At the Mountains of Madness“ erschien…

Fazit: Trotz des Mangels an „mythologischem Grandeur“ ist „The Thing“ definitiv einer der besten kosmischen Horror-Filme und fängt die Atmosphäre einer Lovecraft-Geschichte weitaus besser ein als die meisten direkten Adaptionen, speziell wenn sie von Stuart Gordon kommen.

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