Hoist the Colours


In diesem Jahr kehren die Piraten der Karibik auf die Leinwand zurück. Während auch ich mich durchaus frage, ob ein fünfter Pirates-Film wirklich nötig ist, werde ich ihn mir dennoch ansehen; schließlich ist man Fan des Franchise und insgesamt kann ich tatsächlich jedem Teil der Reihe etwas abgewinnen und schaue sie mir alle immer mal wieder gerne an. Auch musikalisch sind die Pirates-Filme sehr interessant. He’s a Pirate gehört zu den Filmthemen, die jeder schon einmal gehört hat; tatsächlich können die meisten Nicht-Filmmusikkenner es auch noch korrekt zuordnen und für manch einen Filmmusikfan ist der erste Pirates-Score tatsächlich die Einstiegsdroge. Der beste Score des Franchise ist jedoch, wie ich schon mehrfach zu Protokoll gegeben habe, in meinen Augen der dritte. Hier haben Hans Zimmer und sein Team nicht nur den besten Score seiner bzw. ihrer Karriere abgeliefert, sondern auch das beste Thema  – ein Thema, das eine ausgiebige Besprechung verdient hat, weil es sehr schön zeigt, was man mit einem guten Leitmotiv so alles machen kann.

Hoist the Colours kommt ausschließlich in „Pirates of the Caribbean: At World’s End“ vor, es gibt jedoch ein Motiv, das aus einer ähnlich klingenden Akkordfolge besteht und in jedem der Pirates-Filme das eine oder andere Mal auftaucht, zum Beispiel am Ende von Barbossa is Hungry und am Anfang von Bootstrap’s Bootstraps auf dem Album von „The Curse of the Black Pearl“. Es scheint sich hierbei allerdings weniger um ein Leitmotiv, das für eine bestimmte Figur oder ein spezifisches Plotelement steht, zu handeln, sondern eher um ein allgemeines Action- bzw. Gefahrenmotiv.

Wie dem auch sei, hier noch kurz ein Wort zu meiner Vorgehensweise: Das Pirates-3-Soundtrackalbum lässt in mancher Hinsicht leider ein wenig zu wünschen übrig – einige der besten und wichtigsten Einsätze von Hoist the Colours fehlen dort. Zum Glück finden sich auf Youtube die Recording Sessions, und auf diese werde ich mich im Folgenden auch beziehen und die zentralen Stücke in den Text einbetten. Wo es mir nötig erscheint werde ich auch auf die Stücke des Albums verweisen.

Hoist the Colours sticht schon deshalb aus den Leitmotiven der Filmreihe hervor, weil es nicht nur Teil des extradiegetischen Scores ist, sondern auch als diegetisches Lied in der erzählten Welt existiert. Schon in „Dead Man’s Chest“ spielten Zimmer und Regisseur Gore Verbinski mit einem Thema, das auch die Figuren des Films wahrnehmen können: Davy Jones‘ Thema wird sowohl von ihm selbst auf der Orgel als auch von der Spieluhr, die er und Tia Dalma besitzen, gespielt. Mit Hoist the Colours gehen Verbinski und Zimmer allerdings noch einen Schritt weiter und machen das Stück, bzw. das Lied zu einem zentralen Teil der Handlung. Der von den Drehbuchautoren Ted Elliot und Terry Rossio verfasste Text erzählt die Geschichte von Davy Jones und Calypso und dient zugleich dazu, den Rat der Bruderschaft einzuberufen. Aus dieser Funktion leitet sich auch die leitmotivische Bedeutung von Hoist the Colours im Score ab: Es handelt sich um das Thema der Bruderschaft und ihres Hohen Rats. Gerade weil Hoist the Colours die Melodie eines Liedes ist, ist das Thema auch komplexer als viele andere Leitmotive der Filmreihe. Es verfügt über zwei Phrasen: Die A-Phrase (oder Strophenmelodie) und die B-Phrase (oder Refrainmelodie) – im Score taucht die B-Phrase um einiges häufiger auf, da sie prägnanter ist und sich gut als Fanfare eignet.

Bereits die Eröffnungsszene, in der die zum Tode verurteilten Piraten Hoist the Colours singen, etabliert das Lied als zentrales musikalisches Handlungselement; leider fehlt auf dem Album die erste Version des Refrains. Nach der Titeleinblendung geht es sofort weiter: Während sich Elizabeth durch die Wasserwege Singapurs bewegt, singt sie weitere Strophen des Liedes. Und dann ist da noch Tia Dalma, die mit ihrer Drehorgel ebenfalls Hoist the Colours spielt.

Der erste extradiegetische Einsatz des Themas findet sich etwas später in Battle with the Brits, als die Truppen der East India Traiding Company Sao Fengs Schlupfwinkel angreifen. Der Score dieser ersten Szenen des Films ist von asiatischer Instrumentierung geprägt, die sich auch in den Actionsequenzen fortsetzt. Dazu mischt sich Cutlers Becketts Thema, das, wie so häufig in diesem Film als Ostinato in der Begleitung zu hören ist, sowie das neue EITC-Motiv. Bei 1:16 bricht dann die Melodie des Refrains von Hoist the Colours als heroische Blechbläserfanfare aus, und das nicht ohne Grund: Zum ersten Mal kämpfen hier Piraten verschiedener Lords zusammen gegen die Traiding Company als gemeinsamen Feind. Dieses Bündnis mag noch nicht allzu stabil sein oder lange anhalten, aber es deutete die kommende Vereinigung der Piraten bereits an. Hier wird dem Zuschauer durch die heroische, siegreiche Variation bereits gezeigt, was die Figuren zum Teil erst nach und nach begreifen: Wenn sie siegen wollen, müssen sie sich vereinen.

Der nächste Einsatz findet sich erst, nachdem Will, Elizabeth, Barbossa und Co. mit Jack Sparrow aus Davy Jones‘ Reich zurückgekehrt sind. Nach dieser Todeserfahrung hat Jack keine so rechte Lust, sich an Barbossas Plan und der Vereinigung des Hohen Rats der Bruderschaft zu beteiligen – der Anblick des toten Kraken ändert da nicht viel. Entsprechend heißt das dazugehörige Stück Jiggy Kraken, der Anblick des toten Leviathans wird jedoch nicht vom Thema der Kreatur, sondern von einer bedrohlichen Version von Cutler Becketts Thema unterlegt, um zu verdeutlichen, wer für den Tod des Kraken verantwortlich ist. Das folgende Gespräch von Jack und Barbossa dreht sich um die Leere der Welt und die Wirkung der Handlungen von Beckett und ist dementsprechend mit ziemlich hoffnungsloser Musik untermalt, die einem Stück aus „Dead Man’s Chest“ gleicht, das nach Jacks Ableben erklang. Barbossa gelingt es schließlich, Jack vorläufig von der Nötigkeit der Bruderschaft zu überzeugen; die schwermütigen Streicherklänge werden ab 2:20 hoffnungsvoller und gehen langsam in Hoist the Colours über. Sogar die Belchbläser stoßen kurzzeitig dazu, doch dieser Einsatz des Themas der Bruderschaft bleibt ein unvollendetes Fragment – Jack ist nicht völlig überzeugt und noch dazu lauert bereits der Verrat.

Tatsächlich verrät in der folgenden halben Stunde jeder so gut wie jeden. Während zumindest Jack und Barbossa in Shipwreck Cove, wo sich der Rat der Bruderschaft trifft, ankommen, landet Will Turner samt Kompass, der auf den Herzenswunsch gerichtet ist, bei Beckett und Davy Jones. Dementsprechend ist die Untermalung des Gesprächs auch von den Themen dieser beiden Figuren geprägt, jedenfalls bis Will den Kompass hervorholt. Die Musik verrät, auf welches Zielt er zeigen wird: Zum ersten Mal taucht die A-Phrase des Themas der Bruderschaft im Score auf. Dieses Mal erklingt Hoist the Colours nicht als heroische Fanfare, die Instrumentierung mit Akkordeon und Banjo erinnert an ein typisches Seemannslied. Im Verlauf des Stückes Shipwreck Cove schwillt Hoist the Colours immer weiter an, das volle Orchester samt Chor untermalt den ersten Blick auf Shipwreck City. Bei diesem Stück handelt es sich um das erste komplette Statement des Themas mit A- und B-Phrase. Ich möchte auch noch betonen, dass sich diese drei ersten extradiegetischen Einsätze nicht auf dem Album befinden.

Da sich die meisten handelnden Figuren nun im Hauptquartier der Bruderschaft befinden, nimmt die Frequenz der Hoist-the-Colours-Statements zu. Bereits im folgenden Stück, Brethren Court Begins, ist es wieder zu hören. Es zeigt sich, dass die neun Piratenlords ein ziemlich chaotischer Haufen sind; dementsprechend bekommt das Thema der Bruderschaft nun eine komödiantische Färbung, die auf die Instrumentierung aus Shipwreck Cove zurückgreift und diese weiterentwickelt. Was wäre auch ein Piratenfilm ohne derartige Klänge? Hier zeigt sich, wie vielseitig die Melodie von Hoist the Colours ist. Interessanterweise erklingt nur die A-Phrase.

Teague and the Code gewinnt dem Thema der Bruderschaft abermals eine neue Seite ab. Das Stück beginnt mit einem eher schrägen Statement des torkelnden Jack-Sparrow-Themas, das hier nicht Jack selbst, sondern seinem von Keith Richards gespieltem Vater Captain Teague gilt. Dieser ist auch Wächter des Kodex der Bruderschaft; dieses feierliche Dokument erhält ebenfalls eine Hoist-the Colours-Variation, die sich von der vorangegangenen kaum mehr unterscheiden könnte. Aus dem lustigen Seemannslied ist ein ehrfürchtiges, beinahe sakrales Chorstück geworden. Teague and the Code bedient sich ausschließlich der B-Phrase, sodass man beinahe geneigt ist, diesen und den vorangegangenen Einsatz miteinander in Verbindung zu bringen. Auf dem Soundtrack-Album finden sich diese beiden Stücke tatsächlich in einem Track (The Brethren Court), allerdings in vertauschter Reihenfolge.

Nach Königswahlen, Unterredungen und der Befreiung einer Göttin muss die Bruderschaft es schließlich mit der East India Traiding Company aufnehmen, was angesichts der gewaltigen Armada zu Hoffnungslosigkeit führt. Zum Glück erinnert sich König Elizabeth (macht das Will nach der Hochzeit zur Königin?) an die gute alte Filmtradition der heroischen, mit Gänsehaut erzeugenden Musik unterlegten Ansprache. Natürlich kommt hierfür nur Hoist the Colours in Frage. In Hoist the Colours Declaration wird die B-Phrase erst zurückhaltend angestimmt, steigert sich aber nach und nach immer weiter, bis schließlich der Chor dazustößt und die bislang vollste und epischste Variation des Themas der Bruderschaft erklingt: „Gentlemen, hoist the colours!“ Nun ist die Bruderschaft endlich unter einer Flagge vereint, weshalb sich Hoist the Colours im Folgenden fast schon zu einem allgemeinen Action-Motiv wandelt, das die heroischen Handlungen der Piraten untermalt.

Diese Version des Themas findet sich unter dem Namen What Shall We Die For auch auf dem kommerziellen Album, es handelt sich dabei aber um eine Alternativversion, bei der der Chor tatsächlich (wenn auch schwer verständlich) den Text von Hoist the Colours singt – in der Filmversion bleibt der Chor wortlos, dafür gibt es eine hübsche Blechbläserfigur, die ins nächste Stück überleitet.

Besagter nächster Track, Maelstrom Part 1, ist einer der besten Actiontracks der gesamten Filmreihe und wer entschieden hat, ihn nicht mit auf die CD zu packen gehört über die Planke geschickt. Hier zeigen Zimmer und Co. in etwa fünfeinhalb Minuten, was sie können, wenn sie nur wollen – die Dynamik und leitmotivische Komplexität in diesem und den folgenden Tracks findet sich in kaum einem anderen Remote-Control-Score. Flüssig und scheinbar völlig mühelos werden fast alle wichtigen Themen der Filmreihe eingeflochten und arbeiten während dieser Schlacht mit- und gegeneinander. Fragmente von Hoist the Colours sind von Anfang vorhanden, werden aber immer wieder von Becketts Thema, den EITC-Motiven und Tia Dalmas bzw. Calpyso Thema überlagert, jedenfalls bis bei 3:50 zum ersten Mal eine vollständigere Version erklingt, die jedoch ein gewisses Maß an Verzweiflung ausdrückt. Nach einem kurzen Intermezzo kehrt Hoist the Colours mit Chor in der Begleitung bei 4:34 zurück, noch getragener, noch verzweifelter, aber auch noch entschlossener, während sich die Black Pearl und Flying Dutchman mit ihren Kanonen gegenseitig durchlöchern. Das Ende dieses Statements wird zu Beginn des folgenden Tracks (Getting the Chest) kurz wiederholt, im Film erklingt es jedoch nur einmal.

Schon in A Lost Bird kehrt das Thema der Bruderschaft bei 0:59 zurück, abermals mit Chor, der dieses Mal die Melodie singt, sowie viel Percussion. Das Statement untermalt Jacks Kampf mit Davy Jones und klingt energetischer – mit Ausnahme des Einsatzes in Battle with the Brits dürfte es sich hierbei um die actionreichste Variation von Hoist the Colours handeln. Direkt im Anschluss, am Anfang des Tracks The Wedding, erklingt etwas, das noch einmal Hoist the Colours sein könnte, bei dem es sich jedoch meiner Meinung nach um das zu Anfang dieses Artikels erwähnte Action-Motiv handelt. Ähnlich verhält es sich mit den Fragmenten in den ersten drei Minuten von Beckett’s Death – bei diesen könnte es sich sowohl um stark verfremdete Versionen von Hoist the Colours handeln, die den Seitenwechsel der Flying Dutchman darstellen, als auch um Bruchstücke besagten Action-Motivs ohne tieferen Sinn.

Auf dem kommerziellen Album gibt es für die finale Schlacht einen Mammuttrack namens I Don’t Think Now Is the Best Time, der primär aus den Stücken Beckett’s Death (Anfang bis 4:55), A Lost Bird (4:56 bis 6:10), The Wedding (6:11 bis 9:21) und ein wenig Maelstrom Part 2 (9:22 bis Schluss) besteht. Die Reihenfolge stimmt natürlich nicht, chronologisch müsste Beckett’s Death den Track abschließen, statt ihn zu eröffnen.

Nun fehlt noch ein großer Einsatz von Hoist the Colours: Nachdem He’s a Pirate wie gewohnt den Abspann eröffnet und anschließend das dreiteilige Liebesthema erklingt, spendiert Hans Zimmer uns fünf glorreiche Minuten, in denen fast alle Variationen des Themas der Bruderschaft noch einmal durchexerziert werden. Die Hoist the Colours Suite des Abspanns wurde als Teil des „Pirates of the Caribbean Treasure Set” auf der Bonus-CD „Remixed and Unreleased“ veröffentlicht. Diese Suite ist ein grandioser Abschluss eines grandiosen Soundtracks. Hin und wieder absolvieren einige andere Themen des Franchise einen kleinen Gastauftritt; bei 3:20 schaut Jack Sparrow kurz vorbei, bei 4:10 erklingt Cutler Becketts Thema und um die Dreiminutenmarke nähert sich das Bruderschaftsthema He’s a Pirate an, sodass man fast von einem Hybriden der beiden Themen sprechen.

Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 7: Die Graphic Novel

Was ist eine Graphic Novel? Schon allein die Antwort auf diese Frage, und damit die Definition des Begriffs „Graphic Novel“, erweist sich als problematisch, denn eine definitive Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Generell steckt hinter dem Begriff der Versuch, anspruchsvollere Comics vom typischen „comic book“ oder „comic strip“, dem für viele immer noch etwas Schundhaftes anhängt, abzugrenzen. Die Verwendung des Begriffs ist dabei allerdings zumindest zwiespältig.

Der Begriff selbst geht auf Will Eisner und dessen 1978 erschienenes Werk „A Contract with God“ zurück. In diesem erforschte Eisner die Grenzen des Mediums Comic, erweiterte sie und bediente sich neuer, in diesem Zusammenhang noch nicht verwendeter Techniken und in Comics selten oder gar nicht thematisierter Inhalte. Eisner selbst bezeichnete sein Werk als Graphic Novel, u.a. auch, um seinen Verlag, der auf Belletristik spezialisiert war, davon zu überzeugen, das Werk zu verlegen. Dieser Schachzug ging auf und wurde auch im Marketing von „A Contract with God“ verwendet. Somit zeigt sich bereits bei der Entstehung des Ausdrucks die Zwiespältigkeit: Verbirgt sich hinter der Graphic Novel „echter“ Anspruch oder handelt es sich letztendlich nur um eine clevere Marketingstrategie?

Ihren endgültigen Siegeszug trat die Graphic Novel in den 1980er Jahren an, ausgelöst von drei geradezu revolutionären Werken, die gemeinhin als Zeichen des Erwachsenwerdens des Mediums betrachtet werden und zumindest ansatzweise bereits im vorangegangenen Teil dieser Artikelreihe diskutiert wurden: Alan Moores und Dave Gibbons‘ „Watchmen“, Frank Millers „The Dark Knight Returns“ und Art Spiegelmans „Maus“. Es ist bezeichnend, dass vor allem die beiden erstgenannten Werke auch einen enormen Einfluss auf den amerikanischen Mainstream-Comic hatten. Beide hinterfragen und dekonstruieren den Superheldencomic, „The Dark Knight Returns“ konzentriert sich dabei vor allem auf eine bekannte Ikone des Mediums, Batman, während „Watchmen“ einen allgemeineren Anspruch hat. Bei „Maus“ handelt es sich schließlich um ein sehr viel persönlicheres Werk, in dem sich Art Spiegelman mit seiner eigenen Vergangenheit, der seiner Eltern und mit dem Holocaust auseinandersetzt. Auf gewisse Weise setzte Spiegelman mit „Maus“ die im Underground-Bereich verbreitete Tradition des autobiographischen Autorencomics, u.a. geprägt von Robert Crumb, fort und machte sie populär, während er auch gleichzeitig die Tradition der Funny-Animals-Comics für seine Zwecke instrumentalisierte.

Dieses Erwachsenwerden des Mediums hing allerdings nicht nur mit der reinen Qualität oder dem Inhalt zusammen, sondern auch mit der medialen Aufnahme; über diese drei Werke wurde in einer Art und Weise berichtet, die für Comics bisher selten, wenn nicht gar einzigartig war. Dieses „Erwachsenwerden“ ist allerdings keinesfalls unumstritten. Während sich manche Stimmen fragen, ob der Comic wirklich erwachsen werden musste, betrachten andere das Erwachsenwerden Mitte der 80er als Mythos, der vor allem zu Marketingzwecken konstruiert wurde; immerhin gibt es Comics, die Erwachsene ansprechen, schon weitaus länger. Dieses Argument ist zwar sicherlich nicht völlig von der Hand zu weisen, klammert allerdings die allgemeinere Wahrnehmung, die selbstverständlich auch stark von Medien und Marketing dominiert wird, fast völlig aus.

Der Erfolg dieser drei Graphic Novels sorgte für die wachsende Beliebtheit dieses Begriffs, der sich in den späten 80ern zementierte und für Werbezwecke gern und häufig verwendet wurde, besonders von den Großverlagen DC und Marvel. Ironischerweise gehören sowohl Spiegelman als auch (und vor allem) Moore zu den größten Kritikern des Begriffs. Spiegelman spricht von seiner Arbeit zumeist als „commix“, um der Vermischung von Text und Bild gerecht zu werden und war nicht begeistert, dass „Maus“ direkt neben X-Men-Sammelbänden verkauft wurde. Alan Moore lehnt den Begriff „Graphic Novel“ sogar völlig ab: „The problem is that ‚graphic novel’ just came to mean ‚expensive comic book’ and so what you’d get is people like DC Comics or Marvel comics – because ‚graphic novels’ were getting some attention, they’d stick six issues of whatever worthless piece of crap they happened to be publishing lately under a glossy cover and call it The She-Hulk Graphic Novel, you know?” (Quelle: http://www.blather.net/articles/amoore/northampton.html)

Die Frage, die sich also stellt, ist, ob der Begriff Graphic Novel lediglich ein Marketinginstrument ist oder ob er dem Medium Comic weiterhilft, indem er es einem größeren und eventuell auch anspruchsvolleren Publikum zugänglich macht.
Selbst wenn man von Letzterem ausgeht, stellt sich in diesem Zusammenhang die Folgefrage, was als Graphic Novel gelten kann. Die Verwendung des Begriffs mit der Definition „anspruchsvoller Comic“ gleicht einem Kanonisierungsprozess, hier einer Kanonisierung des amerikanischen Comics.

Die Kanonisierung ist ein komplexes Problem der Literaturgeschichtsschreibung, weshalb ich zu diesem Zweck die Definition des Literaturwissenschaftlers Ralf Bogner heranziehen möchte, der vom Literaturkanon als „literarischem Gedächtnis spricht: „Mittels verschiedener, äußerst heterogener Wertungskriterien werden aus dem Gesamtbestand der literarischen Überlieferung gewisse Texte herausgehoben und für besonders erinnerungswürdig befunden. Alle übrigen Werke werden hingegen vergessen, genauer gesagt: vergessen gemacht, verdrängt, ausgesondert.“ (Quelle: Bogner, Ralf: Literaturgeschichte in Werkeinheiten. Zu einem Handbuch des Kanons der deutschsprachigen Literatur, in: Buschmeier, Matthias; Erhart, Walter; Kauffmann, Kai: Literaturgeschichte. Theorien – Modelle – Praktiken. Berlin, Boston 2014, S. 185-194, S. 185.)

Ein literarischer Kanon ist nun selbstverständlich nichts Absolutes, je weiter er gefasst wird, desto oberflächlicher bleibt er, damit er auch überblickt werden kann. Generell gibt es drei Funktionen, die ein Kanon zu erfüllen hat: Legitimation (Rechtfertigung geltender Werte im literarischen Kontext), Identitätsstiftung (vor allem zur Abgrenzung von anderen Gruppen) und Handlungsorientierung (vermittelte Werte als Hilfe zur Entscheidungsfindung). Diese Funktionen gelten allerdings vor allem für einen Literaturkanon, beispielsweise einen nationalen oder zu einer Epoche gehörenden. Die Graphic-Novel-Debatte betrifft vor allem, aber nicht ausschließlich amerikanische Comics. In dieser Form der Kanonisierung ist „Legitimation“ die bedeutendste Funktion, allerdings nicht die Legitimation der Werte, sondern die Legitimation des Mediums an sich, und gleichzeitig die Abgrenzung zwischen „Schund“ und „Anspruch“. In diesem Zusammenhang wird die unklare Definition des Begriffs wieder problematisch, und das auf mehreren Ebenen.

Wie bereits erwähnt, wurde der Begriff „Graphic Novel“ erstmals 1978 verwendet. Können Comics, die vor diesem Datum veröffentlicht wurden, bereits als Graphic Novel verstanden werden? Wirkt sich die Publikation aus? Alan Moore spricht in seiner Kritik am Begriff von der Zusammenfassung mehrerer Hefte, die einfach als Buch gedruckt und mit dem Label „Graphic Novel“ versehen werden. Allerdings wurde auch „Watchmen“ zuerst in Heftform veröffentlicht, bevor, wie seither üblich, alle zwölf Ausgaben in einem Band herausgegeben wurden. Und kaum jemand, der die Graphic Novel akzeptiert, verweigert „Watchmen“ die Zugehörigkeit.

Um für derartige Probleme zumindest Ansätze für eine Lösung zu finden, bemühen sich diverse Comichistoriker um eine neue Definition des Begriffs, die zwar möglichst umfassend, aber trotzdem nicht absolut sein soll. Sie grenzen die Graphic Novel durch vier Eigenschaften vom gewöhnlichen „comic book“ ab: Form, Inhalt, Publikation und Produktion bzw. Vertrieb.

Bezüglich der Form zeichnen sich Graphic Novels gegenüber den „comic books“ durch eine größere Bandbreite aus. Zwar können sie durchaus den klassischen Konventionen folgen, gehen dabei aber gleichzeitig an deren Grenzen, erweitern oder hinterfragen sie. Die Paradebeispiele hierfür sind „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“. Am anderen Ende des Spektrums finden sich Werke wie „A Contract with God“, das auf die Paneleinteilung vollständig verzichtet.

Im Hinblick auf den Inhalt grenzt sich die Graphic Novel vom „comic book“ durch die erwachsene (im Sinne von anspruchsvolle) Natur und eine generelle Nähe zum Realismus ab. Dies ist allerdings ein relativer Faktor. „Watchmen“ etwa mag im Vergleich zu anderen Superheldencomics realistischer sein, realistisch ist Moores Werk allerdings keinesfalls. Dem gegenüber stehen zum Beispiel autobiographische Werke wie Art Spiegelmans „Maus“, welches allerdings seinerseits durch Tierköpfe bzw. -masken eine nicht realistische Darstellung realer Ereignisse wählt.

Was die Publikation angeht, versucht sich die Graphic Novel vom „comic book“ durch eine Abkehr vom Serienprinzip abzugrenzen und sich vom Format her dem Buch anzunähern. Auch dieses Kriterium lässt sich wieder relativieren, wenn man „The Walking Dead“ oder „The Sandman“ heranzieht, die zwar in Serienform vorliegen, aber in Form und Inhalt eher als Graphic Novels zu werten sind.

Produktion und Vertrieb von Graphic Novels schließlich unterscheiden sich oftmals dadurch von den „comic books“, dass sie bei kleineren, unabhängigen Verlagen erscheinen, anstatt bei Marktriesen wie Marvel oder DC. Letzterer versuchte mithilfe des Vertigo-Labels eine Art „Zwischenform“ zu kreieren – durchaus mit Erfolg.

Die Tatsache, dass sich jedes dieser vier Kriterien anhand von Beispielen relativieren lässt, zeigt noch einmal, wie wenig absolut dieser Definitionsansatz ist – das macht ihn allerdings gleichzeitig auch flexibel und sorgt dafür, dass ein Werk, das eines der Kriterien nicht erfüllt, nicht von vorneherein von dieser Kanonisierung ausgeschlossen ist. Gerade, wenn der Begriff Graphic Novel für den anspruchsvollen Comic steht, sind die ersten beiden Kriterien (vor allem das zweite) wichtiger als die letzten beiden – ein Comic kann ein Einzelwerk sein und von einem unabhängigen Kleinverlag publiziert worden sein. Wenn aber die inhaltliche Qualität nicht gegeben ist, wäre der Anspruch, eine Graphic Novel zu sein, anders als im umgekehrten Fall nicht berechtigt.

Eine endgültige Bewertung des Graphic-Novel-Begriffs ist also nur sehr schwer möglich. Einerseits lässt es sich nicht leugnen, dass er definitiv als Marketinginstrument eingesetzt wird, um Comics teurer verkaufen zu können. Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Begriff seit seinem Aufkommen den Ruf des Mediums verbessert hat. Gerade in Deutschland ist dies besonders zutreffend, der Begriff ermöglicht es, ein neues Publikum zu gewinnen, da er ausdrückt, dass es sich um ein erwachsenes, ernstzunehmendes Werk handelt. Akzeptiert man den Begriff, ist, gerade wegen der vielseitigen Verwendung aus unterschiedlichen Motiven, dennoch ein kritisches Hinterfragen erforderlich.

Literaturempfehlungen:
– Baetens, Jan; Frey, Hugo: The Graphic Novel. An Introduction
– Ditschke, Stephan: Comics als Literatur. Zur Etablierung des Comics im deutschsprachigen Feuilleton seit 2003, in: Ditschke, Stephan; Kroucheva, Katerina; Stein, Daniel (Hg.): Comics. Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums
– Sabin, Roger: Adult Comics. An Introduction

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter
Teil 3: Das Goldene Zeitalter
Teil 4: Das Silberne Zeitalter
Teil 5: Das Bronzene Zeitalter
Teil 6: Das Moderne Zeitalter

Die Schöne und das Biest

beauty
Story:
Als ein dekadenter junger Prinz (Dan Stevens) eine alte Bettlerin (Hattie Morahan) abweist, entpuppt sich diese als Zauberin, die den Prinzen zur Strafe für seine Arroganz und Oberflächlichkeit in ein Biest verwandelt. Bevor das letzte Blütenblatt einer magischen Rose gefallen ist, muss der Prinz beweisen, dass er lieben und geliebt werden kann. Einige Jahre später ergibt sich die Gelegenheit: Um ihren Vater Maurice (Kevin Kline), der eine Rose aus dem Schlossgarten pflücken wollte, aus den Klauen des Biests zu befreien, erklärt sich die Bücherfreundin Belle (Emma Watson) bereit, den Platz ihres Vaters als Gefangene des Biests einzunehmen. Derweil versucht Belles Verehrer Gaston (Luke Evans) die Situation zu seinem Vorteil auszunutzen, da Belle ihn partout nicht heiraten will…

Kritik: Holen wir mal ein wenig weiter aus und betrachten „Die Schöne und das Biest“, Disneys neuestes Realfilmremake eines Zeichentrickklassikers, mal im Kontext eben dieses Trends („Elliot der Drache“ mal ausgenommen, da ich ihn noch nicht gesehen habe). Die Frage nach Sinn und Unsinn sollte dabei gar nicht erst gestellt werden, denn der Sinn ist eindeutig: Bislang waren alle Remakes finanziell äußerst erfolgreich, weshalb Disney sicher nicht damit aufhören wird, diese Filme zu produzieren.

Es fing alles 2010 mit Tim Burtons „Alice im Wunderland“ an, das gleichermaßen Remake wie Fortsetzung war, da es von Alice‘ zweitem Ausflug ins Wunderland erzählt (der dennoch in vieler Hinsicht dem ersten gleicht). Das Ergebnis war leider ein vor CGI überquellender Film, der an der Essenz der Geschichte vorbeierzählte: „Alice im Wunderland“, sowohl der Film von 1951 als auch die Vorlage von Lewis Carrol, ist ein Werk der englischen Nonsense-Strömung, einem solchen Werk einen sinnvollen Plot zu geben, der daraus einen etwas schrägeren Narnia-Abklatsch macht, ist fürchterlich daneben. „Maleficent“ (2014) von Robert Stromberg, der bereits bei „Alice im Wunderland“ für die Effekte verantwortlich war, ist in mancherlei Hinsicht das interessanteste Remake, da es sich hierbei quasi um die märchenhafte Disney-Version eines Rape/Revenge-Films handelt. Dass der Film unter dieser Prämisse überhaupt zustande kam ist beeindruckend, leider ist die Umsetzung alles andere als gelungen und passt einfach hinten und vorne nicht. Der künstliche CG-Look von „Alice“ wird auf die Spitze getrieben, die Handlung ist schlecht erzählt, die Charakterzeichnung unterirdisch und der Schlusstwist stammt direkt aus „Frozen“. „Cinderella“ (2015) von Kenneth Branagh war da ausgeglichener und runder, aber auch unspektakulärer; ein harmloser, unterhaltsamer, aber vergessenswerter Märchenfilm (ich bin allerdings auch nicht der größte Fan des Originals). Jon Favreaus „Jungle Book“ zeigte dann, wie so eine Realfilmremake idealerweise auszusehen hat. Favreau bemühte sich, den Zeichentrickklassiker und die Atmosphäre von Kiplings Vorlage miteinander zu verbinden. Dabei erweist er, anders als „Maleficent“, dem Original stets die nötige Ehrerbietung, ohne sich allerdings sklavisch an ihm zu orientieren. Während die Handlung dieselbe ist, schafft es Favreau doch, fast jeder Szene einen neuen Twist oder Blickwinkel zu verleihen, der sie interessant macht.

Und nun also „Die Schöne und das Biest“, entstanden unter der Ägide von Breaking-Dawn-Regisseur Bill Condon (was ich ihm allerdings nicht vorwerfen will, tatsächlich hat er zumindest in „Breaking Dawn Teil 2“ alles aus dem Stoff herausgeholt, was herauszuholen ist). Von allen Realfilmremakes ist dieses zwar nicht das schlechteste, aber wohl das überflüssigste. Wo „The Jungle Book“ und „Cinderella“ die Vorlage durchaus erzählerisch und inhaltlich erweiterten, schaffen es Bill Condon und die Drehbuchautoren Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos kaum, den Zeichentrick-Klassiker von 1991 wirklich sinnvoll zu ergänzen. Es gibt zwar durchaus einige Hinzufügungen und Veränderungen, so verläuft etwa der Subplot von Belles Vater Maurice ein wenig anders, die Zauberin, die das Biest verflucht, bekommt weitere Auftritte und es wurden auch ein paar neue Lieder beigefügt, aber im Großen und Ganzen handelt es sich um kosmetische Korrekturen. Am interessantesten ist der Umstand, dass sich der Film der Rezeption des Originals scheinbar bewusst ist und versucht, die kleinen Logikprobleme, die im Verlauf der letzten 25 Jahre ermittelt wurden, zu lösen. Dazu gehören zum Beispiel die genaue Funktionsweise des Fluchs (warum vermisst niemand das Schloss samt Prinz und Belegschaft?) oder auch nur der Umstand, dass ein Dorf voller Lesemuffel eine gut ausgestattete Bibliothek hat. Im Grunde sind diese Details und Erklärungen eigentlich überflüssig, da das Original sie schlicht nicht braucht. Der Zeichentrickfilm funktioniert mit Märchenlogik, die Probleme, die das Remake löst, entstehen erst durch die Neuverfilmung.

In diesem Zusammenhang lässt sich Condons Film am ehesten mit Baranghs „Cinderella“ vergleichen, wobei ich das Gefühl habe, dass die Hinzufügungen und Erweiterungen bei „Cinderella“ weitaus gewichtiger ausfielen. Mehr noch, „Cinderella“ fühlte sich trotz des Respekts vor dem Original eigenständiger an. Condon, bzw. Disney versucht in erster Linie, das Original und seine Wirkung minutiös zu rekreieren. Nun ist es nicht so, dass das Remake keinen Charme hätte – dummerweise ist es der Charme des Originals. Jemanden, der die Zeichentrickversion nicht gesehen hat, könnte dieser Film vielleicht überzeugen, wer jedoch mit dem Original vertraut ist, stellt sich unweigerlich die Frage, weshalb er gerade das Remake ansieht – jedenfalls ging es mir so. Dem Remake gelingt es nie, dieses gewisse Etwas einzufangen, dass den ursprünglichen Film so besonders gemacht hat.

Lässt man diesen Aspekt außen vor, überzeugt „Die Schöne und das Biest“ vor allem durch das Design und die Gestaltung. Das Schloss ist beeindruckend und die diversen lebendigen Haushaltsgegenstände sind mit viel Liebe zum Detail konstruiert (bzw. animiert). Auch die Besetzung kann sich sehen lassen, von Ewan McGregor als Lumiere über Emma Thompson als Madame Pottine bis zu Ian McKellen (Von Unruh), Josh Gad (Le Fou), Kevin Kline (Maurice) und Luke Evans (Gaston). Dasselbe lässt sich leider nicht über die Hauptdarsteller sagen: Während weder Dan Stevens noch Emma Watson wirklich schlecht spielen, fehlt doch einfach diese Chemie zwischen den beiden, die dafür sorgte, dass das Original so wunderbar funktioniert. Darüber hinaus finde ich das Biest optisch nicht besonders gelungen. Wo die anderen CGI-Figuren zu überzeugen wissen, wirkt das Biest fürchterlich unecht – vielleicht wären praktische Effekte, Prothesen und Make-up hier sinnvoller gewesen.

Bevor ich auf die Musik zu sprechen komme, noch ein kurzes Wort zur Kontroverse um Le Fou: Diese ist kaum der Rede wert. Josh Gads Version der Figur ist ein wenig femininer als das Original und als Figur ein wenig eigenständiger; sie hat einen Mini-Subplot. Das ändert im Grunde kaum etwas und wirkt nach der Sichtung des fertigen Films primär wie ein Marketing-Stunt, mit dem Disney zeigt, wie progressiv es ist. Umso alberner und bescheuerter sind dann auch die Reaktionen aus Alabama und Russland, wo der Film entweder boykottiert wurde oder eine Altersfreigabe ab 16 bekam. Und nun zu einem wirklich wichtigen Aspekt.

Da es sich bei „Die Schöne und das Biest“ um ein tatsächliches Musical handelt und die Songs eine wichtige Rolle spielen (immerhin ist jedes einzelne Lied des Originals ein Ohrwurm, der die Gehirnwindungen nie wieder verlässt), werde ich ein wenig ausführlicher auf die Musik eingehen. Insgesamt bin ich zwiegespalten. Keines der Lieder aus dem Remake kommt auch nur ansatzweise an das Gegenstück aus dem Original heran. Luke Evans singt erstaunlich gut, bei den meisten anderen lassen die Sangeskünste jedoch zu wünschen übrig. In der deutschen Version ist das ein wenig besser, weil hier tatsächlich Sänger angeheuert werden, während im O-Ton die Schauspieler selbst singen. Vor allem Emma Watson und Emma Thompson können da absolut nicht überzeugen. Die neuen Lieder, darunter Evemore, eine Solonummer für das Biest, gehen neben ikonischen Nummern wie Be Our Guest oder Gaston ziemlich unter und schaffen es kaum, sich ins Gedächtnis einzubrennen. In einem Aspekt übertrifft das Remake jedoch das Original. Wie schon 1991 komponierte Alan Menken auch hier den Score. Nun kommt es ziemlich selten vor, dass ein Komponist denselben Film zwei Mal vertont, aber Menken zeigt, dass er als Score-Komponist unterbewertet ist und definitiv mehr Arbeit abseits von Musicals braucht. Nun hatte das Original keinesfalls einen schlechten Score, aber Menken bekommt hier die Gelegenheit zu zeigen, wie er sich als Komponist weiterentwickelt hat. Die Orchestrierungen sind besser und komplexer und auch die leitmotivische Arbeit weiß zu gefallen. Mühelos nimmt Menken seine ikonischen Melodien, variiert sie, kontrapunktiert sie und lässt sie mit- und gegeneinander arbeiten. Passend zum barocken Stil des Films bekommt das Cembalo eine größere Rolle. Ähnlich verhält es sich mit dem Fluch-Thema, das nun endgültig zum Rückgrat des Scores wird.

Fazit: Während „Die Schöne und das Biest“ kein wirklich schlechter Film ist, ist er doch im Grunde überflüssig, da er primär versucht, das Original zu reproduzieren, dabei aber nur erreicht, dass zumindest ich mich frage, weshalb ich mir nicht gerade die Zeichentrickversion ansehe.

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Lovecrafts Vermächtnis: Dagon

dagon
Story: Im Urlaub verschlägt es den Börsenunternehmer Paul Marsh (Ezra Godden) und seine Freundin Bárbara (Raquel Meroño) nach einem Bootsunfall in das kleine spanische Küstendorf Imbocca. Das Städtchen ist vom Verfall geprägt, die Einwohner sehen merkwürdig aus und verhalten sich noch merkwürdiger. Schon bald findet Paul heraus, dass merkwürdige Dinge vor sich gehen, die mit dem mysteriösen Dagon-Orden, der die Kirche in Imbocca übernommen hat, sowie seinen Alpträumen von erschreckenden Seewesen zu tun haben…

Kritik: H. P. Lovecrafts Einfluss ist in vielen Werken der phantastischen Genres sehr deutlich spürbar, aber so ganz ist er noch nicht im Mainstream angekommen. Cthulhu mag zwar Gastauftritte in Serien „South Park“ oder „Die Simpsons“ absolviert haben, aber bislang fehlt vor allem eine wirklich erfolgreiche Filmadaption, um den Schriftsteller aus Providence ins kollektive Bewusstsein zu bringen. Dabei ist es nicht so, als gäbe es keine Filmumsetzungen von Lovecrafts Werken – diese sind jedoch weder besonders populär noch wirklich gelungen. Der spanische Film „Dagon“ (2001) ist ein gutes Beispiel dafür. Schon der Titel sorgt für Verwirrung, da dieser Film mit der gleichnamigen Lovecraft-Geschichte kaum etwas zu tun hat. Stattdessen handelt es sich hierbei um eine lose Adaption von „Shadows Over Innsmouth“, die allerdings das neuenglische Fischerdorf Innsmouth durch das spanische Küstenstädtchen Imbocca ersetzt. Aus Lovecrafts Robert Olmstead wird Tom Marsh, was immerhin ein Insidergag ist, denn die Familie Marsh spielt in „Shadows Over Innsmouth“ eine wichtige Rolle.

„Dagon“ ist weder die erste, noch die letzte Lovecraft-Adaption, für die Regisseur Stuart Gordon verantwortlich ist. Sein Debüt feierte er mit dem Kult-Comedy-Splatter-Film „Re-Animator“, welcher auf Lovecrafts Kurzgeschichte „Herbert West – Reanimator“ basiert und später drehte er eine Folge Showtime-Serie „Masters of Horror“, die „Dreams in the Witch House“ adaptiert. Da ich die anderen beiden Lovecraft-Adaptionen noch nicht gesehen habe, kann ich diesbezüglich kein Gesamtresümee ziehen, aber zumindest „Dagon“ ist keine besonders gelungene Umsetzung. Das Hauptproblem dieses Films ist der Umstand, dass Gordon Lovecrafts subtilen, sich langsam steigernden Horror durch Schock- und Ekelmomente zu ersetzen versucht. Während diese den spezifischen Schrecken der Vorlage durchaus ergänzen können, wenn sie richtig eingesetzt werden, sind sie in „Dagon“ eher fehl am Platz. Es kommt leider erschwerend hinzu, dass weder die praktischen Effekte und das Make-up, noch die CGI-Effekte in irgendeiner Form überzeugen können.

Als Adaption entfernt sich „Dagon“ auch sonst recht weit von der Vorlage. Manche Änderungen sind durchaus nachvollziehbar und können verziehen werden. Wie so viele Lovecraft-Geschichten fehlen auch in „Shadows Over Innsmouth“ weibliche Figuren. Bárbara hat bei Lovecraft ebensowenig ein Gegenstück wie Uxía Cambarro (Macarena Gómez); ihre Vorhandensein an sich stört mich weniger als der Umstand, dass sie wohl vor allem im Film sind, um hin und wieder nackte Brüste zeigen zu können. Auch sonst lassen die Figuren eher zu wünschen übrig. Lovecrafts Protagonisten sind zwar ohnehin meistens nicht die sympathischsten, aber Paul Marsh ist eine sich ständig beschwerende Nervensäge, der ich Robert Olmstead allemal vorziehe. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Figuren, und die nicht wirklich fähigen Schauspieler tun ihr übriges.

Im Vergleich zur Vorlage hat Gordon das Tempo erhöht. „Shadows Over Innsmouth“ zeichnet sich durch einen langsamen Spannungsaufbau und eine sich steigernde Atmosphäre des Verfalls aus, die der Film nicht reproduzieren kann. Die Flucht des Protagonisten, in der Vorlage Höhepunkt der Geschichte, findet im Film schon bei der Hälfte statt, wird dann aber angehalten, um die große Expositionsszene unterzubringen. Das Finale des Films dagegen hat relativ wenig mit Lovecrafts Geschichte zu tun, auch wenn Gordon versucht, den Tonfall des eigentlichen Endes zu verarbeiten. Trotz dieser Versuche ist vom Geist Lovecrafts und der Atmosphäre und Spannung der ursprünglichen Geschichte kaum etwas geblieben.

Fazit: Wer eine gelungene Lovecraft-Verfilmung sucht, muss leider weitersuchen, „Dagon“ ist definitv keine gute Adaption und weiß auch unabhängig der Vorlage aufgrund schlechter Effekte, amateurhafter Schauspieler und einer unironischen „Billigkeit“ nicht zu überzeugen.

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Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel

Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 6: Das Moderne Zeitalter

Wir schreiben das Jahr 1986: Die Publikation dreier Werke veränderte die amerikanische Comiclandschaft und hatte sehr weitreichende Folgen auf allen Ebenen, nicht nur für den „gehobenen Comic“, den diese Werke gewissermaßen lancierten, sondern auch für den (Superhelden-)Mainstream. Jeder, der sich auch nur oberflächlich mit dem amerikanischen Comic beschäftigt, stolpert irgendwann über Alan Moores und Dave Gibbons‘ „Watchmen“, den einzigen Comic auf der „All-Time 100 Greatest Novels List“ des Time-Magazine, Frank Millers „The Dark Knight Returns“, dessen Einfluss auch noch heute in allem, was mit Batman zu tun hat, spürbar ist, und Art Spiegelmans „Maus“, das als eine der besten künstlerischen Verarbeitungen des Holocaust gilt. Der Fokus auf das Jahr 1986 ist in diesem Kontext natürlich ebenso Teil einer nicht ganz korrekten Narrative wie der Innovationsfaktor. Alle drei erschienen nicht 1986 als komplett romanartige Werke, sondern wurden ganz traditionell als Fortsetzungen veröffentlicht, „The Dark Knight Returns“ und „Watchmen“ in Form der typischen Superheldenhefte, während Maus bereits seit 1980 auf den Seiten des Magazins Raw erschien; 1986 wurde lediglich die erste Hälfte des Comics gesammelt veröffentlicht.

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„Maus“ von Art Spiegelman

Wie alle historischen Wendepunkte ist also auch dieser mit Vorsicht zu genießen, bei der Geschichtsschreibung des amerikanischen Comics funktioniert er dennoch recht gut. Bereits das Bronzene Zeitalter zeichnete sich eher durch Tendenzen und Entwicklungen denn durch einen klaren Start- und Endpunkt aus. Im sogenannten „Modernen Zeitalter“ (auch gerne als „Dunkles Zeitalter“ bezeichnet), das endgültig mit der Edelmetallmetapher bricht (weshalb manch einer den Begriff „Eisernes Zeitalter“ vorzieht), verschwimmen die Grenzen noch weiter. Einige Comichistoriker vertreten die These, dass das Moderne Zeitalter immer noch anhält, während andere schon vom „Postmodernen Zeitalter“ sprechen. Ein möglicher Endpunkt des Modernen Zeitalters wäre beispielsweise der Beinahe-Bankrott des Marvel-Verlages 1998.

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„Watchmen“ von Alan Moore und Dave Gibbons

Kehren wir aber noch einmal zum Anfang dieses Zeitalters ins Jahr 1986 zurück. „The Dark Knight Returns“, „Watchmen“ und „Maus“ gelten zwar als Vorreiter des aktuellen Graphic-Novel-Trends, waren aber bei Weitem nicht die ersten Comics, die als solche bezeichnet wurden, die beiden erstgenannten waren nicht einmal die ersten Superheldencomics mit diesem Label, und auch nicht die ersten Superheldencomics mit ernstzunehmender Thematik, komplexer Narrative oder dekonstruierenden Elementen. Dennoch repräsentieren sie den Trend der Ära hervorragend und, noch wichtiger, sie brachten ihn in den Mainstream. Die autobiographischen Elemente von „Maus“ waren im Underground-Bereich bereits seit Jahren vorhanden, Spiegelman brachte sie in den Mainstream. Ähnliches lässt sich für Moore und Miller sagen: Sie sorgten dafür, dass gewisse Entwicklungen nicht nur ihren Höhepunkt erreichten, sondern auch außerhalb der spezifischen Leserschaft sichtbar wurden.

Wie schon das Bronzene Zeitalter ist auch das Moderne Zeitalter von Diversität geprägt. So fanden zum ersten Mal größere Stilmischungen statt. Es fanden, auch, aber nicht nur Dank „Maus“, Elemente der Underground-Comix ihren Weg in den Mainstream, mitunter auf recht ungewöhnliche Weise. Seit Carl Barks sich 1966 zur Ruhe gesetzt hatte, wurden in den USA kaum mehr Disney-Comics produziert, anders als in diversen europäischen und südamerikanischen Ländern. 1987 trat jedoch Don Rosa auf den Plan, der von vielen, mir eingeschlossen, als legitimer Erbe von Barks betrachtet wird und einerseits Duck-Geschichten in der Tradition des Großmeisters schrieb und zeichnete, andererseits aber seinen ganz eigenen Stil und eine sehr spezielle, z.T. schon fast anarchische Sensibilität mitbrachte, beides zumindest indirekt geprägt von den amerikanischen Underground-Comix.

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Panel aus Don Rosas „The Life and Times of Scrooge McDuck“

Darüber hinaus wurden in zunehmendem Maße inhaltliche, erzählerische und stilistische Elemente der anderen beiden großen Comictraditionen in die amerikanische integriert. Auch diesbezüglich ist Frank Miller ein Vorreiter, seine Graphic Novel „Ronin“, bereits 1983/84 erschienen, gilt als einer der ersten amerikanischen Comics, der sich gezielt spezifischer narrativer und graphischer Elemente des französischen „Bande Dessineé“ und des japanischen Mangas bedient.

Eng damit und dem Erfolg von „Watchmen“ verbunden war, was gerne als „Brit Invasion“ bezeichnet wird: Viele junge Autoren, die wie Alan Moore aus Großbritannien stammen, etwa Grant Morrison, Neil Gaiman oder Warren Ellis, begannen, Ende der 80er und Anfang der 90er wegen ihrer qualitativ hochwertigen und beliebten Arbeit populär zu werden; so populär, dass DC sich 1993 dazu entschloss, das Label Vertigo zu gründen, das sich auf anspruchsvollere Comics für Erwachsene wie sie Moore, Morrison und Gaiman erzählten, spezialisierte.

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„The Dark Knight Returns“ von Frank Miller

Allerdings ist das moderne Zeitalter auch durch weniger positive Entwicklungen gekennzeichnet: Die desillusionierten und gebrochenen Helden aus „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“ wurden im Mainstream in den folgenden Jahren nachgeahmt, allerdings ohne dass die Qualität der Werke von Moore oder Miller erreicht wurde; der grimmige, zynische, gebrochene und brutale Antiheld wurde zum Selbstzweck, anstatt, wie bei Miller und Moore, das Genre zu hinterfragen und zu dekonstruieren – darum auch der alternative Name „Dunkles Zeitalter“. Beispiele hierfür sind etwa Marvels „X-Force“, ein Ableger der X-Men, oder so gut wie jede Publikation des neu gegründeten Image-Verlages. Dies führte wiederum zu einer Gegenreaktion in Form von „Kingdom Come“, verfasst von Mark Waid und illustriert von Alex Ross, das sich gezielt mit diesem „Antiheldentum“ und einer Rückbesinnung auf alte Werte auseinandersetzte.

Eine weitere negative Entwicklung hängt kaum mit dem Inhalt, sondern fast ausschließlich mit dem Verkauf zusammen. Nicht nur wurde der Markt stärker spezialisiert, (Comics verschwanden aus den Regalen der Zeitschriftenhändler, während spezialisierte Comicshops zum zentralen Verkaufsort wurden), man entdeckte den Comic als Sammelobjekt. Hefte, in denen populäre Helden wie Superman, Batman oder Spider-Man ihr Debüt feierten, wurden für gewaltige Summen verkauft. Die Verlage erkannten das Potential und versuchten gezielt durch Variant-Cover, limitierte Editionen und ähnliche Maßnahmen, Sammlerobjekte zu generieren. Schon bald tauchten Sammler auf, die Comics nicht mehr sammelten, weil sie sie gerne lasen, sondern nur, um sie wegen ihres Sammlerwertes in Plastik eingeschweißt zu lagern und später für viel Geld weiterzuverkaufen. Mehr noch, wenn von einer Ausgabe vier Variant-Cover erschienen, legte man sich natürlich alle vier zu, und eventuell ein fünftes, falls man vorhatte, das Heft auch tatsächlich einmal zu lesen. Das führte letztendlich zu erhöhter Nachfrage (jeder Sammler wollte eine komplette Sammlung), gefolgt von Überproduktion und schließlich einer Übersättigung des Marktes. Jeder hatte die Comics, keiner wollte sie mehr und plötzlich brachen Ende der 90er die Verkäufe ein, was dazu führte, dass viele Kleinverlage die Publikation einstellten und selbst die Branchenriesen gewaltige Probleme bekamen (ich erwähnte bereits Marvels Beinahe-Bankrott von 1998).

Da das Moderne Zeitalter noch nicht wirklich beendet ist, lässt sich hierzu auch kaum etwas Abschließendes sagen. Von Interesse ist noch das Ende des Comic Codes, der bereits im Brozenen Zeitalter aufweichte. Marvel verzichtete bereits 2001 auf das entsprechende Siegel, und mit  DC und Archie Comics folgten 2011 auch die letzten beiden Verlage diesem Beispiel. Insgesamt ist die amerikanische Comicszene des Modernen Zeitalters stärker denn je von Pluralismus gekennzeichnet. Dank der „Graphic-Novel“, Labels wie Vertigo oder Verlagen wie Dark Horse, die sich auf „Creator Owned Content“ konzentrieren, genießt das Medium allgemein wachsende Anerkennung sowie eine sich steigernde Vielfalt an Inhalten und Möglichkeiten. Derweil geht das einstmals überdominante Superheldengenre dazu über, das Kino zu übernehmen, jährlich werden immer mehr auf Comics basierende Filme über kostümierte Vigilanten veröffentlicht, die auch immer erfolgreicher werden. Im Bereich der Superheldencomics herrscht dagegen eher Stagnation, alljährliche Großevents, Reboots und Retcons dominieren das Genre in weitaus stärkerem Umfang als irgendeine erzählerische oder inhaltliche Tendenz.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter
Teil 3: Das Goldene Zeitalter
Teil 4: Das Silberne Zeitalter
Teil 5: Das Bronzene Zeitalter