Das Erwachen der Macht

tfanovel
Es mag nicht allzu bekannt sein, aber die Version von Star Wars, die als erstes von der Allgemeinheit konsumiert werden konnte, stammt zumindest teilweise von Alan Dean Foster. Die Romanadaption von „Eine neue Hoffnung“ (damals noch schlicht „Star Wars“) erschien bereits im November 1976, etwa ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Kinostart. Auf dem Cover mag damals George Lucas‘ Name gestanden haben, doch verfasst wurde dieser Roman, basierend auf Lucas‘ Drehbuch, von Foster. Aber springen wir knapp vierzig Jahre in die Zukunft: Nostalgie war bei der Konzeption von „Das Erwachen der Macht“ ein wichtiger Faktor, da scheint es naheliegend zu sein, dass Alan Dean Foster auch die Romanadaption zu Episode VII verfasst. Es muss allerdings hinzugefügt werden, dass Foster bereits die Prosaumsetzungen der Abrams-Filme „Star Trek“ „Star Trek Into Darkness“ zu Papier brachte, man könnte in diesem Zusammenhang also von einem bereits bestehenden Arbeitsverhältnis sprechen.

Wie dem auch sei, betrachtet man die Gesamtheit der SW-Filmromane, ist die Bilanz eher gemischt: Wärhend die drei OT-Romane nicht unbedingt zur Zierde ihres Genres gehören, sind die Prequel-Romane, gerade unter dem Gesichtspunkt der Adaption, ziemlich gelungen und, im Fall von Matthew Stovers „Die Rache der Sith“, ein Meisterwerk, das für mich das Ideal eines Filmromans darstellt. Leider passt Fosters „Das Erwachen der Macht“ qualitativ eher zu den OT-Romanen. Vermutlich ist es unfair, ihn mit „Die Rache der Sith“ zu vergleichen, da Foster diverse Schwierigkeiten hatte, durfte er doch bezüglich diverser Geheimnisse und Hintergründe nicht in die Tiefe gehen und kaum mehr verraten als der Film. Doch selbst unter Berücksichtigung dieser Einschränkung ist die Romanfassung von Episode VII bestenfalls uninspiriert. Fosters Prosa weiß nicht wirklich zu überzeugen und wirkt oftmals lieblos, echte Spannung oder Intensität kommt selten. An manchen Stellen wirkt die Stimme des Erzählers gar merkwürdig distanziert. Die Zerstörung von Hosnian Prime ist dafür ein gutes Beispiel – in dieser Szene beschäftigt sich Foster primär damit, die technische Funktionsweise der Starkiller Base zu beschreiben, anstatt dem Leser zu vermitteln, was für eine Tragödie hier gerade stattfindet. Auch mit der Macht scheint Foster nicht allzu viel anfangen zu können: Gemessen am Titel beschreibt er kaum, wie es sich für Rey anfühlt, wenn die Macht in ihr erwacht. Vielleicht bin ich diesbezüglich von Stover einfach zu sehr verwöhnt, aber ich hätte zu gerne erfahren, wie Rey und Kylo Ren die Macht wahrnehmen.

Was den Lesefluss für mich am meisten stört, ist der sprunghafte Perspektivwechsel. Foster schaut in alle Köpfe hinein, wechselt aber ständig, weil er bei vielen Charakteren nicht zu tief schauen darf, da sie eben Antworten auf Fragen kennen, die der Leser noch nicht erfahren darf. Anstatt einfach nur das Drehbuch in Prosa umzusetzen hätte sich Foster, ähnlich wie Stover das erfolgreich getan hat, der Stärken seines Mediums annehmen müssen. Sowohl Rey als auch Finn bieten sich hervorragend als primäre Point-of-View-Charaktere an, da ihr Wissensstand dem des Lesers entspricht. Im Idealfall hätte sich Foster ausschließlich oder doch zumindest größtenteils auf diese beiden konzentriert. Es wäre darüber hinaus vielleicht gar nicht verkehrt gewesen, die Inhalte des Jugendbuches „Vor dem Erwachen“, das drei kürzere Vorgeschichten (jeweils eine für Finn, Rey und Poe) enthält, im TFA-Roman selbst unterzubringen, das hätte noch besseren Kontext gegeben und den Fokus auf Rey und Finn verstärkt. Natürlich hätte man dann aber „Vor dem Erwachen“ nicht noch extra verkaufen können…

Immerhin ein wenig Mehrwehrt hat die Romanadaption. Einige der geschnittenen Szenen finden sich bei Foster; so taucht etwa Unkar Plutt auf Takodana auf, um Rey und den Falken zurück nach Jakku zu bringen, was von Chewie jedoch unterbunden wird. Darüber hinaus erklärt Foster, wie Poe auf Jakku überlebt hat und gibt ein wenig zusätzlichen Kontext zur Republik und der Ersten Ordnung sowie einige anderweitig interessante Details. So habe ich mir bei der Sichtung des Films zum Beispiel die Frage gestellt, ob Kylo Ren weiß, dass Vader am Schluss ins Licht zurückkehrte. Laut Roman ist dies tatsächlich der Fall, wie wir von Snoke erfahren: „Had Lord Vader not succumbed to emotion at the crucial moment – had the father killed the son – the Empire would have prevailed.”

Zwar habe ich den Roman auf Englisch gelesen, aber ich habe auch die deutsche Hörbuchversion konsumiert, deshalb zum Schluss noch ein paar Worte zu selbiger bzw. zur Übersetzung. Diese ist im Großen und Ganzen in Ordnung, es haben sich aber ein paar merkwürdige Schnitzer eingeschlichen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Warum wird Phasmas Rang ausgerechnet mit „Hauptmann“ übersetzt? Das Hörbuch wird von Stefan Günther vorgelesen, dem deutschen Synchronsprecher von John Boyega. Als Sprecher ist Günther ganz in Ordnung, irritiert aber auch hin und wieder etwas, was allerdings öfter der Fall ist, wenn ein Synchronsprecher plötzlich alle Figuren seines Films spricht. Leider setzt sich die merkwürdige Aussprache des Wortes „Tie-Jäger“, die mich schon im Film gestört hat, hier fort. Insgesamt bleibt dieses erste deutsche Star-Wars-Hörbuch doch hinter den englischen bzw. amerikanischen Gegenstücken zurück, was u.a. auch daran liegt, dass diese an Schlüsselstellen gekonnt John-Williams-Musik einsetzen und so das SW-Feeling definitiv erhöhen.

Fazit: Alan Dean Fosters Romanadaption von Episode VII ist eine ziemlich uninspirierte Prosafassung des Drehbuchs mit relative wenig Mehrwert. Die meisten der vorhandenen Zusatzinformationen finden sich, zusätzlich zu vielen weiteren, auch in Pablo Hidalgos „Illustrierter Enzyklopädie“. Wer mehr über die Hintergründe von „Das Erwachen der Macht“ erfahren möchte, dem rate ich zu Claudia Grays „Bloodline“.

Siehe auch:
Star Wars Episode VII: Das Erwachen der Meinung
Die Rache der Sith
Bloodline

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