Doctor Strange

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Story: Bei einem Autounfall werden die Hände des genialen, aber arroganten Chirurgen Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) irreparabel beschädigt, woraufhin er alles und jeden, darunter seine Ex-Freundin Christine (Rachel McAdams), von sich stößt. Schließlich offenbart sich eine letzte Möglichkeit: In Kamar-Taj in Nepal wurde ein ähnlicher Fall erfolgreich behandelt. Also begibt sich Strange auf die lange Reise, nur um schließlich zu lernen, dass es jenseits der profanen Welt, die er bisher bewohnte, noch viele weitere gibt. Von der Ältesten (Tilda Swinton) wird Strange in die Geheimnisse der Magie eingeweiht. Derweil versucht Kaecilius (Mads Mikkelsen), ein ehemaliger Schüler der Ältesten, die böse Macht Dormammu aus ihrer Dimension zur Erde zu holen. So wird Strange in einen mystischen Konflikt hineingezogen, bei dem viel mehr auf dem Spiel steht als nur ein paar Hände…

Kritik: In einer der Schlüsselszenen des Films teilt die Älteste Doctor Strange mit, dass er, um die Magie wirklich meistern zu können, erkennen muss, dass sich nicht alles um ihn dreht. Da ist es schon ziemlich ironisch, dass sich im Film tatsächlich alles um Doctor Strange dreht: Mehr noch als diverse andere Marvel-Helden dominiert der Sorcerer Supreme seinen Film. Einerseits ist das durchaus gerechtfertigt, andererseits schadet das aber einmal mehr den Nebenfiguren. In vielerlei Hinsicht gleicht „Doctor Strange“ dem letztjährigen „Ant-Man“. Der neuste MCU-Film bemüht sich, die Genre-Grenzen zu erweitern, dabei aber gleichzeitig bei der bewährten Formel zu bleiben. Im Klartext bedeutet das: Ein starker Protagonist, eine recht einfache und vorhersehbare Handlung, die vor allem dazu dient, den Protagonisten angemessen in Szene zu setzen, viel Humor und ein schwacher Schurke. Besonders Letzteres ist angesichts eines Darstellers wie Mads Mikkelsen wirklich äußerst schade. Was ich schon an „Ant-Man“ kritisierte, trifft auf „Doctor Strange“ in ähnlichem Maße zu: Held und Schurke haben so gut wie keine persönlichen Konfliktpunkte. In beiden Fällen handelt es sich um einen Konflikt des Mentors, der auf den Protegé lediglich übertragen wird. Auch die Motivation von Kaecilius ist eher dürftig; während diverse Hintergrundmaterialien suggerieren, dass es einen persönlichen, familiären Grund für sein Handeln gibt, wird dies im Film nicht einmal angerissen, die Motivation bleibt sehr theoretisch. Immerhin deutet sich für mein potentielles Sequel Besserung an.

Ganz ähnlich wie Kaecilius ergeht es der von Rachel McAdams gespielten Christine Palmer, deren Rolle als Love Interest sogar noch dürftiger ausfällt als die von Jane Foster (Natalie Portman). Auch das ist ziemlich schade, denn zwischen ihr und Benedict Cumberbatch gibt es durchaus Chemie. Vielleicht wäre es besser gewesen, hätten sich Regisseur Scott Derrickson und seine Mit-Drehbuchautoren John Spaihts und C. Robert Cargill für Clea als Love Interest entschieden. In den Comics ist sie, wie Doctor Strange, eine Schülerin der Magie und als solche hätte sie mehr zur Handlung beitragen können.

Auch strukturell ist „Doctor Strange“ ziemlich konservativ. Das ist durchaus zu verzeihen, aber gerade in diesem Fall hätte eine non-lineare Origin-Story vielleicht besser funktioniert (andererseits ist das bei „Man of Steel“ ziemlich in die Hose gegangen). Mir persönlich ging Stranges Aufstieg zum Sorcerer Supreme ein wenig zu schnell und schnörkellos, er wirkt auch am Ende des Films (im Gegensatz zur Mid-Credits-Scene) nicht so, als hätte er seine Ausbildung wirklich abgeschlossen. Besagte schnörkellose Ausbildung sorgt allerdings auch dafür, dass es Derrickson gelingt, diverse Klischees zu umschiffen, die man sonst in derartigen Filmen antrifft.

Der Humor des Films erweist sich darüber hinaus hin und wieder als zweischneidiges Schwert: Einige Gags sitzen, andere sind etwas zu überdreht und stören eine eigentlich dramatische Szene. Diese deplatzierte Überdrehtheit betrifft nicht ausschließlich den Humor, insgesamt wäre das eine oder andere Mal weniger mehr gewesen. Ein gutes Beispiel ist der Autounfall, der Stranges Handlungsstrang auslöst: Die Szene erinnert ein wenig an die exzessiven Autostunts aus „Blues Brothers“; man fragt sich unweigerlich, wieso nur Stranges Hände irreparabel beschädigt sind. Ein realistischerer Unfall hätte hier weitaus besser und intensiver gewirkt.

Auf der visuellen Ebene dagegen weiß „Doctor Strange“ vollauf zu überzeugen. Man kann sich regelrecht vorstellen, wie Derrickson seinen Effekt-Spezialisten erklärt: „Eigentlich war ‚Inception‘ doch ziemlich konservativ, da geht noch was.“ Selten finden sich derart überzeugende und kreative CGI-Effekte, die auch noch derart gelungen eingesetzt werden. Ich denke, diesbezüglich dürfte „Doctor Strange“ zu einem Referenzfilm werden. Umso negativer erscheinen da die lieblos-sterilen, allzu artifiziellen Welten eines Films wie „Maleficent“. Dass auch Bedendict Cumberbatch in der Rolle des Titelhelden vollauf überzeugt, muss wohl kaum noch zusätzlich erwähnt werden. Ganz allgemein ist der Cast um Tilda Swinton, Mad Mikkelsen und Chiwetel Ejiofor hervorragend, auch wenn er nicht immer sein volles Potential ausspielen kann. Auch Michael Giacchinos Score ist gelungen; er verpasst dem Sorcerer Supreme ein solides Thema und schafft es durch den Einsatz ungewöhnlicher Instrumente, der mystischen Seite des Marvel-Universums einen eigenen Klang zu verleihen. Zugegeben, diesen hätte Giacchino noch etwas stärker hervorheben können, gerade die Actionmusik ist zwar gut, aber doch, mit der einen oder anderen Ausnahme, recht konventionell.

Fazit: „Doctor Strange“ ist vor allem visuell überwältigend und mit Sicherheit einer der kurzweiligsten Marvel-Filme (was schon etwas heißen will), inhaltlich jedoch verhältnismäßig konventionell, was der großartige Cast allerdings ganz gut ausgleicht. Dennoch bleiben Schurke und Love Interest äußerst blass. Auf jeden Fall freue ich mich, dass das MCU nun vollständige in mystische Dimensionen vorgestoßen ist und diese in zukünftigen Filmen hoffentlich noch weiter auslotet.

Trailer

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13 Kommentare zu “Doctor Strange

  1. Morgen Luft sagt:

    Dem schließe ich mich an. Ganz so gnädig war ich nicht, aber die visuelle Umsetzung fand ich auch stark

  2. Lasse Vogt sagt:

    Im Prinzip genau meine Meinung. Gut zusammengefasst und alle positiven sowie negativen Aspekte des Films auf den Punkt gebracht. Wurde im Kino gut unterhalten, aber einer meiner Marvel-Lieblinge ist er nicht.

    • hemator sagt:

      Ja, da ist durchaus noch Luft nach oben. Aber angesichts der insgesamt eher enttäuschenden Superheldenfilme dieses Jahres ist „Doctor Strange“ dann doch ziemlich passabel. Anders als bei gewissen anderen Filmen habe ich das Kino nicht frustriert verlassen.

  3. Schlopsi sagt:

    Da gibt es kaum etwas zu diskutieren, gehe bis auf die Effekte mit. Da gab es ein paar Schnitzer, die so nicht passieren sollten (Strange trifft auf den eigentlichen Gegenspieler, was so dermaßen nach Greenscreen geschrieen hat). Den Soundtrack sollte ich mir noch zu Gemüte führen, bis auf zwei relativ prägnante Stücke blieb da leider kaum etwas hängen.

    • hemator sagt:

      Ist mir ehrlich gesagt weniger aufgefallen – ich hab schon das eine oder andere Mal festgestellt, dass solche Sachen oft auch mit dem Kino (und dem 3D, so gegeben; leider gab’s bei „Doctor Strange“ da für mich keine 2D-Alternative) zusammenhängen. Mal schauen, wie’s auf der Blu-Ray aussieht.

  4. Curima sagt:

    Ich hab ihn am Wochenende auch gesehen und stimme dir in weiten Teilen zu. Das Love Interest fand ich richtig schlimm. So langweilig und so eine Verschwendung der Schauspielerin … ehrlich, ich kann diese „ich bin so nett und lieb und hilfreich, auch wenn der Kerl sich wie ein Arschkeks verhält“-Nummer nicht mehr sehen. Grargh. Bei den sonstigen Nebenfiguren fand ich eigentlich vor allem den Bibliothekar gut, seinen anderen Kollegen da fand ich erst in dessen letzter Szene im Film richtig interessant und The Ancient One hätte irgendwie auch noch ein bisschen mehr sein können als halt der typische Mentor. Hm. Dafür fand ich Kaecilius ganz okay. Also klar, warum er das alles macht, weiß kein Mensch, aber Mikkelsen hat ihn trotz der wenigen Screentime doch sehr charismatisch rübergebracht (seine stets schweigenden und sich prügelnden Handlanger waren hingegen superöde).

    Die Effekte waren wirklich toll und das Ende mochte ich auch, weil es mal ein etwas kreativerer Ansatz war als einfach ein Kampf. Hat mich irgendwie total an Doctor Who erinnert.

    Ich bin gespannt, ob Dr. Strange jetzt in Thor 3 auftauchen wird. Das könnte nett werden.

    • hemator sagt:

      Ich frage mich, wie der Film wohl geworden wäre, wenn sie sich tatsächlich für Clea entschieden und ihr darüber hinaus die Rolle von Mordo gegeben hätten…

      Mads Mikkelsen bringt natürlich immer eine gewisse Gravitas in seine Rollen. Ich finde, er hat auch dafür gesorgt, dass der (glücklicherweise zurückhaltend eingesetzte) Humor seiner Figur funktioniert. Ich bin ja fast traurig, dass es in „Rogue One“ „nur“ Galen Erso spielt; ich hätte ihn mir sehr gut als Live-Action-Version von Großadmiral Thrawn vorstellen können. Nun ja, immerhin wird er von seinem Bruder Lars gesprochen, der ihn auch in einem Realfilm ganz gut verkörpern könnte, sollte es einmal dazu kommen.

      Benedict Cumberbatch wurde für „Thor: Ragnarök“ offiziell bestätigt. Wie groß seine Rolle ausfällt ist dann natürlich wieder eine andere Frage.

      • Curima sagt:

        Ich kenne die Comics leider gar nicht, daher weiß ich auch nicht, wer Clea ist. Vielleicht nimmt Christine ja wenigstens so eine Pepper-mäßige Entwicklung im Film und wird nicht wie Jane im zweiten Teil noch blasser.

        Hehe, Mikkelsen als Thrawn, das wäre ja mal was. Aber ich finde, sein Bruder spricht ihn sehr großartig. Mal sehen, wie viel Screentime Galen im Film so hat, nach den ersten 4 Kapiteln „Catalyst“ finde ich ihn als Figur bisher recht spannend.

        Thor 3: Joah, Chris Evans hatte ja auch eine winzige Rolle in Thor 2 und Mark Ruffalo in Iron Man 3 … das war dann ja mehr ein Gag als ein Auftritt. Aber vielleicht wird Stranges Part in Thor 3 ja ein wenig größer – er passt da doch eigentlich recht gut rein mit dem ganzen Magie-und-Mystik-Kram.

  5. Lasse Vogt sagt:

    Hey, mal was anderes, hast du eigentlich mal Trevor Jones‘ „Merlin“ gehört? Und wenn ja, wie stehst du zu der Musik? Für mich persönlich ist es einer der besten Fantasy-Scores der letzten 30 Jahre! Wäre mal eine Art „Klassiker“-Spezial-Review wert, oder?

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