Geschichte der Vampire: Die Familie des Wurdalak

wurdalak
Im Rahmen dieser Artikelreihe möchte ich irgendwann Bram Stokers „Dracula“ in aller Ausführlichkeit besprechen, allerdings gibt es noch drei Werke, die zuvor bearbeitet werden müssen. Alle drei gehören zu wichtigen Frühwerken der Vampirliteratur und haben viele der späteren Werke, inklusive „Dracula“, massiv beeinflusst, sind aber, vielleicht mit einer Ausnahme, fast nur noch Kennern der Materie geläufig.

„Die Familie des Wurdalak“, oft auch „Die Familie des Vampirs“ und manchmal mit dem Titel „Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten“ versehen, wurde von dem russischen Schriftsteller Alexeï Konstantinowitsch Tolstoï (1817 bis 1875, nicht mit Leo Tolstoi zu verwechseln) bereits 1840 in französischer Sprache verfasst, aber erst 1884 in russischer Übersetzung unter dem Titel „Russki Westnik“ („Russischer Bote“) veröffentlicht. Die französische Originalfassung konnte erst ab 1950 erworben werden. Anders als John William Polidori, dessen Vampir Lord Ruthven sich von den Gestalten osteuropäischer Volkssagen deutlich unterschied und ein blutsaugender Gentleman war, greift Tolstoï stärker auf Inhalt und Atmosphäre der ursprünglichen Vampirlegenden zurück.

Die Erzählung handelt von dem jungen französischen Diplomaten Serge d’Urfé, der sich auf einer wichtigen Mission in Osteuropa befindet, aber wegen eines Schneesturms in einem kleinen Dorf in der Hütte einer Familie Unterschlupf suchen muss. Die Stimmung ist gedrückt: Gorcha, das Familienoberhaupt, hat sich in die Berge begeben, um den türkischen Räuber Ali Bek zu fangen. Gorcha hat seiner Familie befohlen, nur zehn Tage auf ihn zu warten, nach Ablauf dieser Frist soll er nicht mehr eingelassen werden, da er sich wohl in einen Wurdalak, einen Vampir verwandelt hat. Serge hält dies für Aberglauben und hat nur Augen für Sdenka, Gorchas Tochter. Die Meinung des Franzosen ändert sich allerdings langsam, als Gorcha kurz vor bzw. nach Ablauf der Frist zurückkehrt. Trotz einiger Zweifel lässt die Familie den Vater ein, was sich als schwerer Fehler erweist. Gorcha verhält sich höchst ungewöhnlich, merkwürdige Vorkommnisse häufen sich und schon bald wird klar: Der alte Mann ist tatsächlich zum Wurdalak geworden. Schließlich fällt Gorchas Enkel der Blutlust seines Großvaters zum Opfer, was dessen Vater Georges dazu veranlasst, das Familienoberhaupt anzugreifen und ihn in den Wald zu jagen. Bald darauf erklärt Georges seinem Gast, er müsse nun aufbrechen. Nach dem Ende seiner Mission kehrt Serge in das Dorf zurück, nur um herauszufinden, dass Georges seinen Vater zwar töten konnte, sein Sohn aber bereits zum Vampir geworden ist. Nach und nach wurden erst die Familie und dann das ganze Dorf zu Vampiren. Es kommt schließlich zur Konfrontation mit der untoten Sdenka. Nur sein Kreuz rettet Serge vor dem Durst der Vampirin und er kann schließlich fliehen.

Viele der Elemente, die heute als Klischees des Vampirgenres gelten, nahmen in dieser Geschichte ihren Anfang. Vor allem das Setting ist geradezu typisch: Ein kleines Dorf in Osteuropa im Winter, voll von abergläubischen Menschen, die am Ende doch recht behalten – man kann sich gut vorstellen, dass Tolstoïs Geschichte den Anfang von „Dracula“ doch zumindest beeinflusst hat. Auch der langsame, aber wirkungsvolle Spannungsaufbau findet sich wider: Genauso, wie Jonathan Harker die wahre Natur seines Gastgebers entdeckt, muss auch Serge d’Urfé langsam erkennen, in was sich das Familienoberhaupt Gorcha verwandelt hat. Ebenso spielt die Abneigung von Vampiren gegen christliche Symbole eine wichtige Rolle: Nicht nur hat das Kreuz eine schützende Wirkung, Gorcha ist auch unfähig, ein Tischgebet zu sprechen und wird dadurch enttarnt.

Wie bereits erwähnt basiert Tolstoïs Konzeption des Vampirs sehr stark auf osteuropäischen Legenden: Bis auf Sdenka besitzen die Vampire dieser Erzählung keine erotischen Elemente, und selbst Sdenka zeigt ihr wahres Gesicht, nachdem sie mit Serges Kreuz in Berührung kommt. Auch die Affinität für Familienmitglieder und Menschen, die der Vampir zu Lebzeiten liebte, entstammen dem Volksglauben – laut „Die Familie des Wurdalak“ ist es diese Eigenschaft, die den Wurdalak von anderen Vampiren unterscheidet.

Während sich viele Elemente aus „Die Familie des Wurdalak“ in späteren Werken wiederfinden, ist die Geschichte selbst inzwischen größtenteils in Vergessenheit geraten und wurde auch nicht groß adaptiert, es existieren lediglich zwei Filmversionen des Stoffes. Die erste ist Teil des italienischen Episodenfilms „Die drei Gesichter der Furcht“ („I tre volti della paura“) von Mario Bava, mit Boris „Frankenstein“ Karloff als Gorcha. 1972 erschien, abermals in Italien, eine weitere Adaption namens „La notte dei diavoli“ („Die Nacht der Teufel“). Bei beiden Filmen handelt es sich wohl um eher um freiere Adaptionen. Darüber hinaus wurde Tolstoïs Erzählung im Rahmen der Hörspielserie „Gruselkabinett“ sehr gelungen und atmosphärisch adaptiert – diese Version der Geschichte kann ich nur empfehlen.

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2 Kommentare zu “Geschichte der Vampire: Die Familie des Wurdalak

  1. Tolle Besprechung – wie immer. Wer übrigens an einer Sammlung von Gespenstergeschichten interessiert ist, alsoneben dem oben besprochenen Titel auch die Werke von Polidori und anderen lesen möchte, der sei auf die antiquarisch (über Amazon oder ZVAB auch im Internet) erhältlichen Ausgaben von: „Der Vampir“ (ursprünglich Verlag Das Neue (Ost-)Berlin verwiesen (1981, danach spätere Auflagen) (ISBN 3-360-00011-0), herausgegeben und mit einem Vowort versehen von Herbert Greiner Mai. Wir haben die Lizenzausgabe des Nymphenburger Verlages in unserer Bücherei. Das Buch habe ich kürzlich auf Hogshead besprochen, weil ich neben Polidoris Kurzgeschichte weitere internationale Vampir- und Gespenstergeschichten zur Entspannung mal wieder lesen wollte.

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