Brian Azzarellos Wonder Woman

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Comicverlage wie DC und Marvel haben meistens das gleiche Problem: Fortlaufende Kontinuität. Irgendwann wird die Situation in den Superheldenserien verhältnismäßig unübersichtlich. Für Leser, die eine Serie konstant verfolgen, ist das meistens kein Problem, aber natürlich versuchen die Verlage auch immer, neue Leser anzusprechen. Um sich nicht ewig mit Altlasten herumschlagen zu müssen, von Kontinuitätsfehlern und anderen Merkwürdigkeiten gar nicht erst zu sprechen, verpassen besagte Verlage ihren fiktiven Universen immer mal wieder einen inhaltlichen wie gestalterischen Einlauf. Ein besonders extremes Exemplar kam bei DC im Jahr 2011, als der Verlag sämtliche Serien neu startete und eine völlig neue Kontinuität ins Leben rief, die „New 52“ (das DC-Mulitversum besteht aus 52 Parallelerden und es gingen 52 neue Comicreihen an den Start). Diese Aktion war durchaus erfolgreich, zumindest was die Verkaufszahlen anging. Inhaltlich dagegen gab es leider einige Probleme – das größte war wohl mangelnde Planung. Weil man bei DC versuchte, sich alle kreativen Möglichkeiten offen zu halten, kam es schon bald zu neuen Unstimmigkeiten, die leicht hätten vermieden werden können, von diversen kreativen Entscheidungen und Redaktionseinmischungen gar nicht erst zu sprechen. Das bedeutet aber nicht, dass alle Titel der „New 52“ schlecht wären, im Gegenteil. Die wahrscheinlich beste Serie ist, zumindest in meinen Augen, „Wonder Woman“.

Bei Wonder Woman bzw. Diana (den Nachnamen Prince führt sie in der neuen Kontinuität zu diesem Zeitpunkt noch nicht) gibt es oft ein ähnliches Problem wie bei Superman: Die Figur ist sehr mächtig und besitzt sehr wenige Schwächen. Insgesamt denke ich, dass Wonder Woman in ihrer Soloserie genau wie Marvels Thor am besten funktioniert, wenn sie mit ihrer Mythologie agiert. Ich habe zwar kein Problem damit, wenn sie im Rahmen der Justice League gegen irgendwelche massiven Bedrohungen kämpft, in ihren Soloabenteuern sollte sie sich allerdings nicht unbedingt mit Banküberfällen oder verrückten Wissenschaftlern herumschlagen, das ist schlicht verschwendetes Potential. Wonder Woman ist eine Figur, die auf griechischer Mythologie basiert, sie entstammt den Amazonen und besitzt die Kräfte von Göttern, weswegen es sich anbietet, sie auch entsprechend zu beschäftigen.
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Brian Azzarello, derjenige, der Wonder Woman für die „New 52“ definierte, ist nun vielleicht nicht der erste Autor, der einem für diese Figur in den Sinn kommen würde. Azzarello ist vor allem für seine düstere Comics im Neo-Noir-Setting bekannt, wie beispielsweise „100 Bullets“ oder diverse Batman-Geschichten. In erster Linie ist Azzarello allerdings einfach ein ziemlich guter Autor, und so schafft er es, Wonder Woman in dem von ihm verfassten Heften (Nummer 1 bis 35 und eine zusätzliche Nullnummer, hier zulande bei Panini in sechs Paperbacks erschienen) ein ausgezeichnetes, passendes und vor allem mythologisches Umfeld zu geben. Dabei ignorierte er das größere DC-Universum fast vollständig, lediglich Orion von den New Gods spielt eine Rolle. Erfreulicherweise orientierte er sich auch nicht an Geoff Johns‘ Charakterisierung von Wonder Woman aus der Justice-League-Serie der „New 52“, die ich nicht besonders gelungen fand, dort wirkte sie auf mich übermäßig naiv und irgendwie unpassend. Azzarellos Wonder Woman ist dagegen weitaus selbstsicherer und entschiedener, bleibt dabei aber sympathisch und nachvollziehbar.

Obwohl Azzarellos Run im Großen und Ganzen positiv aufgenommen wurde, war er doch nicht frei von Kontroversen, vor allem bezüglich Wonder Womans veränderter Ursprungsgeschichte. Vor dem Reboot hatte ihre Mutter Hippolyta, die Königin der Amazonen, ein Baby aus Lehm geformt, dem die griechischen Götter Leben (und Superkräfte) schenkten. Im neuen DC-Universum ist dies nur die Tarngeschichte, tatsächlich ist Wonder Woman hier eine Tochter von Zeus. William Moulton Marston, der Autor, der Wonder Woman (und auch den Lügendetektor) erfand, wäre damit wohl nicht unbedingt einverstanden gewesen, immerhin entwarf er seine Schöpfung als das perfekte weibliche Wesen (das ohne männliches Zutun entstand). Dennoch, obwohl es im Rahmen der „New 52“ bei vielen Charakteren unnötige Änderungen gab, die wie ein Selbstzweck wirken, ist Dianas veränderte Herkunftsgeschichte für Azzarellos Erzählung nötig, denn er greift einen der wichtigsten Aspekte griechischer Mythologie auf. Im Kern handelt es sich dabei eigentlich um die Saga einer ziemlich dysfunktionalen Familie, und auch Azzarellos Run ist im Grunde eine Familiengeschichte. Ich kann natürlich trotzdem verstehen, wenn es einem nicht gefällt, dass die Ursprünge der Figur, die viele Jahrzehnte lang mehr oder weniger konsistent waren, nun so verändert werden. Mich stört es allerdings tatsächlich nicht besonders.

Die Handlung beginnt mit einer jungen Frau namens Zola, die aus heiterem Himmel von Zentauren angegriffen und von dem Gott Hermes gerettet wird. Dieser teleportiert sie zu Wonder Woman, um den beiden später zu enthüllen, dass Zola mit einem Kind des Zeus schwanger ist. Damit beginnen die Probleme aber erst so richtig, denn nun sind diverse olympische Götter hinter Zola und ihrem ungeborenen Baby her, nicht zuletzt die eifersüchtige Hera. Es kommt allerdings noch schlimmer: Zeus selbst ist verschwunden und der Thron des Olymp damit vakant. Die Geschwister und Kinder des Zeus haben es auf den leeren Thron abgesehen, wobei das letzte Kind des Göttervaters sich als Schlüssel erweisen könnte. Wonder Woman findet es allerdings nicht besonders toll, dass eine unschuldige junge Frau und ein ungeborenes Baby zum Spielball machthungriger Götter werden und stellt beide unter ihren Schutz.

Genau DAS ist ein Plot, wie ich ihn für eine Geschichte rund um Wonder Woman haben möchte; die Geschichte, wirkt, als würde Azzarellos die griechische Mythologie direkt in der Moderen weiterführen. Obwohl Wonder Woman die Titelheldin ist, handelt es sich hierbei fast schon um eine Ensemble-Serie, denn Zola und diverse Götter, allen voran Hera, sind fast ebenso sehr Hauptfiguren wie Diana. Es gibt allerdings auch eine Kehrseite: Wonder Woman ist nicht immer unbedingt die interessanteste Figur ihrer eigenen Serie.

Insgesamt ist nicht nur der Plot, sondern auch die Umsetzung hervorragend gelungen. Azzarellos Darstellung der griechischen Götter ist sehr untypisch, kreativ und erfrischend; sie unterscheidet sich sowohl charakterlich als auch optisch massiv von den Klischeebildern der schon allzu oft adaptierten Entitäten. Und noch wichtiger: Sie funktionieren exzellent als Figurenensemble für diese Serie, die nicht einfach zeigt, wie Wonder Woman gegen verschiedene Superschurken kämpft, sondern, wie bereits erwähnt, die komplexe Geschichte der „olympische Familie“ erzählt. Die Götter sind nicht nur gut oder böse, sondern in erster Linie sind sie allesamt Egomanen mit ihren eigenen Zielen; genau wie in den Sagen wechseln die Loyalitäten, die Götter sind wankelmütig und tauschen schnell die Verbündeten aus.
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Darüber hinaus schafft es Azzarello, die Handlung spannend und abwechslungsreich zu gestalten. Action ist natürlich vorhanden, schließlich handelt es sich hierbei immer noch um einen Superheldencomic (zumindest irgendwie), aber im Zentrum stehen die Figuren und ihre Interaktion, sei es die Freundschaft zwischen Zola und Diana, Dianas Beziehung zu Ares, der hier, anders als in der alten Kontinuität, als Mentorenfigur fungiert, oder die Entwicklung, die Hera durchmacht. Leider ist der Run dennoch nicht ganz frei von Schwächen: Das Ende (das ich hier aber nicht verraten werde), fand ich nicht ganz überzeugend, schwerer wiegt allerdings die Anpassung der Amazonen: Hier fügte Azzarello ein Detail aus der Mythologie ein, das Marstons utopische Frauengesellschaft der Amazonen in zu starkem Ausmaß und in zu plumper Art und Weise dekonstruiert – der Wonder-Woman-Animationsfilm aus dem Jahr 2009 hat das weitaus besser hinbekommen, ohne die Amazonen zu einer rein weiblichen Version der Spartaner zu machen.

Dafür sind die Zeichnungen vollauf gelungen. Die meisten Hefte wurden von Cliff Chiang gezeichnet, die restlichen Ausgaben übernahmen Tony Akins und Goran Sudžuka  Beide orientieren sich allerdings sehr stark an Chiangs Stil, sodass der gesamte Run optisch einheitlich erscheint. Chiangs Zeichnungen sind äußerst dynamisch, ausdrucksstark, dabei aber recht kantig und stilisiert, sie erinnern mich ein kleines bisschen an die Optik von „Batman: The Animated Series“ und passen einfach hervorragend zu Azzarellos mythologischer Familiensaga. Wie auch die Geschichte selbst heben sich die Zeichnungen stark vom Genrestandard ab. Fast noch wichtiger ist, dass Wonder Woman hier, anders als bei, sagen wir, Jim Lee oder David Finch, tatsächlich wie eine Amazone aussieht und nicht wie ein eher zierliches Persönchen bzw. eine Sechzehnjährige oder ein Supermodel. Wenn man Cliff Chiangs Wonder Woman sieht, erkennt man eine Kriegerin. Das Design der verschiedenen Götter ist, wie bereits erwähnt, sehr kreativ und anders, das einzige Manko dabei ist, dass nicht mehr allzu griechisch wirken. Aber mal ehrlich, griechische Götter in Toga und antiker Rüstung hatten wir nun wahrlich oft genug.

Fazit: Brian Azzarellos Neudefinition von Wonder Woman ist vollauf gelungen, die Amazone agiert hier weniger in einer traditionellen Superheldengeschichte als in einer Familiensaga von mythologischem Ausmaß. Wer Wonder Woman gerne kennen lernen würde, dem sei diese Serie ans Herz gelegt, denn sie weiß nicht nur inhaltlich und optisch zu überzeugen, es ist auch kein Vorwissen nötig.

Kampf der Giganten:
Prämisse
TDKR: Batman vs. Superman
S:TAS: World’s Finest
Kingdom Come

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