Disneys Der Glöckner von Notre-Dame

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„Der Glöckner von Notre-Dame“ ist mein Lieblings-Disney-Film. Daraus sollte man allerdings nicht den Schluss ziehen, dass ich ihn auch für den besten Disney-Film halte. Viel eher ist er, mit all seinen Stärken, Schwächen, seiner Beziehung zur Vorlage und der Metamorphose, die er durchlaufen hat, seit er ins Kino kam, in meinen Augen der interessanteste Disney-Film – hier lohnt sich fraglos eine ausgiebige Betrachtung.

Roman und Film
Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ ist ein umfassender und sehr düsterer Roman um Liebe, Lust, Architektur, Ausgrenzung, Religion, Architektur, Korruption, Hass, und, ach ja, Architektur. Als solcher ist er vielleicht nicht unbedingt die beste Vorlage für einen Disney-Zeichentrickfilm. Das Endprodukt leidet schon fast an Persönlichkeitsspaltung: Einerseits haben die Verantwortlichen sehr viel geändert, es findet sich der für Disney typische Humor, das Happy-End, lustige Tiere und Sidekicks, die komplexe Handlung wurde sehr stark vereinfacht, aber trotz allem ist immer noch genug von der Essenz des Romans vorhanden, um diesen zum wahrscheinlich düstersten Film des Meisterwerke-Kanons zu machen. Man merkt, dass dies ein Herzensprojekt der Macher war und sie, um es umzusetzen, bereit waren, Kompromisse einzugehen. Das Endergebnis ist ein sehr unebener, aber eben auch ein sehr mutiger Film.

Vom eigentlichen Plot des Romans wurden diverse Figuren und Eckpunkte mehr oder weniger getreu übernommen: In Notre-Dame lebt der bucklige Glöckner Quasimodo (Tom Hulce) unter Aufsicht des frommen Claude Frollo (Tony Jay). Am Tag des Narrenfestes zeigt sich Quasimodo und wird zum König der Narren gewählt, aber bereits kurz darauf von der Menge verspottet und gedemütigt. Nur die Zigeunerin Esmeralda (Demi Moore) zeigt sich mitfühlend und hilft ihm, wobei sie Frollo verspottet. Sowohl Quasimodo als auch Frollo und der Gardehauptmann Phoebus (Kevin Kline) verlieben sich in die Zigeunerin. Dieses Verlangen stürzt Frollo in einen tiefen Konflikt und er versucht, Esmeralda mit allen Mitteln in seine Gewalt zu bringen. Die Inhaltsangabe könnte noch sowohl für den Roman als auch für den Film funktionieren, sonst finden sich allerdings sehr viele Änderungen, vor allem bezüglich der Figuren.

Zwei Charaktere, die im Roman sehr wichtig sind, fehlen im Film beispielsweise vollkommen: Jehan Frollo du Moulin, Claude Frollos jüngerer Bruder, der von Frömmigkeit nichts hält, und Pierre Gringoire, ein erfolgloser Dichter, der sich, wie die meisten anderen männlichen Figuren des Romans auch, in Esmeralda verliebt. Als er allerdings letztendlich die Wahl hat, rettet er lieber die Ziege Djali.

Die Figuren, die es in den Film geschafft haben, unterscheiden sich mitunter sehr stark von ihren Romangegenstücken. So ist Phoebus bei Hugo keineswegs ein strahlender Held, sondern ein ziemliches Arschloch, das mit einem Mädchen namens Fleur de Lys verlobt ist und Esmeralda nur wegen ihrer Schönheit begehrt. Quasimodo selbst ist im Roman wegen des Glockengeläuts so gut wie taub und spricht gebrochen, während Esmeralda gerade einmal sechzehn Jahre alt und darüber hinaus sehr unschuldig, naiv und abergläubisch ist. Es gibt noch einen Subplot über ihre Herkunft, der im Film, wie die beiden oben erwähnten Figuren, völlig ausgelassen wurde. Und dann wäre da noch Frollo, der in der Vorlage ein weitaus komplexerer Charakter ist als in der Adaption. Im Disney-Film wurde die Romanfigur quasi aufgespalten, zum einen in Richter Frollo und zum anderen in den namenlosen Erzdiakon, der verhindert, dass Frollo Quasimodo ertränkt. Im Roman ist Frollo selbst Erzdiakon von Notre-Dame und verhältnismäßig mitfühlend, tatsächlich adoptiert er Quasimodo völlig ohne moralische Erpressung und er ist es, der verhindert, dass die Bürger von Paris ihn während des Narrenfestes quälen. Alle positiven Eigenschaften des Buch-Frollo wurden im Film auf den namenlosen Erzdiakon übertragen. Es sollte auch erwähnt werden, dass Frollo im Roman gerade einmal fünfunddreißig ist und auch großes Interesse an Alchemie und Magie hat – dass Letzteres nicht im Film gelandet ist, finde ich allerdings ziemlich gut, denn sonst wäre Frollo Dschafar vielleicht zu ähnlich. Obwohl Film-Frollo weniger vielschichtig ist als Buch-Frollo, ist er doch für einen Disney-Schurken immer noch ziemlich komplex, und darüber hinaus sogar um einiges böser als sein Gegenstück: Im Roman führt Frollo weder ethnische Säuberungen durch, noch plant er einen Genozid oder tötet Quasimodos Mutter. Er mag zwar weniger komplex sein als das Roman-Äquivalent, aber dennoch ist Frollo als Schurke so gelungen, weil man ihn ernst nehmen kann. Zauberer mit Kobrastab, böse Hexen, die wie Tintenfische aussehen oder sich in Drachen verwandeln findet man insgesamt in der Realität eher selten, aber Menschen wie Frollo hat es gegeben und gibt es immer noch – für einen Disney-Film ist Frollo ein fast schon unangenehm realistischer Bösewicht, und genau das macht seine Faszination aus. Die Essenz des Romans findet sich vor allem in Frollo, aber auch einigen anderen Elementen des Films. Die Atmosphäre ist grandios, die Liebe zum Detail in der Darstellung Notre-Dames ist beeindruckend und dann ist da natürlich noch die Musik…

Alan Menkens Meisterwerk
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Track Listing:

01. The Bells of Notre Dame
02. Out There
03. Topsy Turvy
04. Humiliation
05. God Help the Outcasts
06. The Bell Tower
07. Heaven’s Light/Hellfire
08. A Guy Like You
09. Paris Burning
10. The Court of Miracles
11. Sanctuary!
12. And He Shall Smite the Wicked
13. Into the Sunlight
14. The Bells of Notre Dame (Reprise)
15. Someday – performed by All-4-One
16. God Help the Outcasts – performed by Bette Midler

Oberflächlich betrachtet folgen Alan Menken und Stephen Schwartz mit „Der Glöckner von Notre-Dame“ der Standard-Disney-Formel: Es gibt die große, opulente Eröffnungsnummer (The Bells of Notre-Dame), den Schurken-Song (Hellfire), den Ich-will-Song des Helden (Out There), drei eher humoristische Lieder (Topsy Turvy, A Guy Like You, Court of Miracles) und die emotionalen bzw. romantischen Stücke (God Help the Outcasts, Heavens’s Light). Allerdings, mit einer Ausnahme, holen Schwartz und Menken alles aus dieser Formel heraus. Diese Ausnahme ist A Guy Like You, das höchst anachronistisch ist und aus den anderen Liedern des Films unangenehm heraussticht.

Alle anderen jedoch sind gut bis grandios. Das zeigt sich bereits am Anfang: The Bells of Notre-Dame gibt den musikalischen und atmosphärischen Ton des Films vor. Während viele andere Disney-Eröffnungsnummern, etwa Circle of Life oder Arabian Nights, sich damit begnügen, lediglich die richtige Atmosphäre zu schaffen, erzählt The Bells of Notre-Dame zusätzlich die Vorgeschichte und rückt die Kathedrale effizient und elegant in den Mittelpunkt. Topsy Turvy, Court of Miracles und God Help the Outcasts funktionieren alle hervorragend, die wirklich herausragenden Nummern, Out There und Heaven’s Light/Hellfire sind aber beide dualistischer Natur. In beiden Fällen nutzen Schwartz und Menken die Gelegenheit, um Frollo und Quasimodo miteinander zu vergleichen, denn in beiden Fällen greift einer das Lied des anderen auf und dreht es um. Out There beginnt mit Frollo, der davon singt, wie grausam die Welt ist. In der zweiten Hälfte nimmt Quasimodo dieselbe Melodie, gibt ihr eine sehr viel positivere Ausrichtung und singt davon, wie sehr er sich wünscht, die Außenwelt kennen zu lernen und wie grandios das sein wird. Ähnlich ist es bei Heaven’s Light/Hellfire, auch wenn es sich hierbei um unterschiedliche, wenn auch verwandte Melodien handelt. Zuerst singt Quasimodo von seiner Liebe zu Esmeralda, die unschuldig und rein ist. Frollos Hellfire ist ein dunkler Spiegel, der Richter hadert mit sich und seiner Lust und beschließt am Ende, das Esmeralda ihm gehören muss, egal um welchen Preis.

Lieder und Score sind eng miteinander verbunden, so fungiert die Melodie von Out There beispielsweise als Quasimodos Leitmotiv, und im Gegenzug hat Menken einige der liturgischen Leitmotive des Scores in die Lieder eingebunden, etwa das chorale, wortlose Hauptthema (zu hören in The Bells of Notre-Dame bei 0:30, 3:50, 6:06, Hellfire bei 5:07, Paris Burning bei 0:34 oder Sanctuary! bei 5:48, um nur ein paar Beispiel zu nennen), das Dies-Irae-Motiv (The Bells of Notre-Dame bei 3:02, Paris Burning gleich am Anfang) oder das Kyrie-Eleison-Motiv (The Bells of Notre-Dame bei 2:35, Paris Burning bei 1:33). Das sorgt dafür, dass Lieder und Score wie aus einem Guss wirken und exzellent zusammen passen. Von allem, was Alan Menken für Disney geschrieben hat, ist „Der Glöckner von Notre-Dame“ nach wie vor mein Favorit, kaum ein anderer Disney-Score ist derart bombastisch und mitreißend.

Das deutsche Musical
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Track Listing:

01. Die Glocken Notre-Dames
02. Zuflucht
03. Draußen
04. Tanz auf dem Seil
05. Ein bisschen Freude
06. Drunter – Drüber
07. Hilf den Verstoss’nen
08. Hoch über der Welt
09. Das Licht des Himmels
10. Das Feuer der Hölle
11. Esmeralda
12. Trommeln in der Stadt
13. Ein Mann wie du
14. Weil du liebst
15. Tanz der Zigeuner
16. Weil du liebst (Reprise)
17. Wie aus Stein
18. Einmal
19. Finale Ultimo

Disneys Versuch, Victor Hugos Roman als Zeichentrickfilm umzusetzen, war eher weniger von Erfolg gekrönt: Viele Zuschauer, die nur einen weiteren, netten Disneyfilm sehen wollten, waren irritiert von der düsteren und erwachsenen Ebene, während Liebhaber der Vorlage von den Anpassungen abgestoßen wurden. Interessanterweise war das Land, in dem Disneys „Glöckner“ am erfolgreichsten war, Deutschland. Schon zuvor hatte Disney diverse Filme als Musical umgesetzt, und auch beim „Glöckner“ ging man so vor, brachte es aber, wegen des oben erwähnten Erfolges, erst einmal nur in Deutschland auf die Bühne. Das Musical „Der Glöckner von Notre-Dame“ lief von 1999 bis 2002 in Berlin und verschwand danach in der Versenkung. Das Buch stammt von James Lapine („Into the Woods“), die deutschen Liedtexte verfasste Michael Kunze („Tanz der Vampire“) und Alan Menken steuerte einige neue Lieder bei.

Während das Musical dem Film eigentlich ziemlich genau folgt, nähert es sich bezüglich Atmosphäre und Figurenzeichnung wieder stärker dem Roman an – am auffälligsten ist diesbezüglich, dass Esmeralda am Ende nicht überlebt. Insgesamt ist der Tonfall ernster und düsterer, der Humor weniger überdreht und grimmiger, und die Wasserspeier sind weniger dominant und existieren nun ganz eindeutig nur in Quasimodos Einbildung. Der Glöckner selbst ist hier, wie im Roman, des Sprechens nur bedingt mächtig, lediglich in seinen Liedern drückt er sich flüssig aus. Phoebus erinnert auch wieder mehr an das Buchgegenstück und macht eine stärkere Entwicklung durch, während Frollo etwas differenzierter gezeichnet wird.

Ein Lied, Court of Miracles, wurde vollständig entfernt, dafür kommen sowohl neue Lieder als auch melodische, besungene Motive hinzu, die je nach Bedarf in andere Lieder eingearbeitet werden können. Ein Beispiel hierfür ist die Zufluchts-Melodie, die in Zuflucht (eigentlich die erste Hälfte von Out There, bei 1:22) oder Finale Ultimo (5:41) auftaucht. Tanz auf dem Seil dient als Einführungsstück für Esmeralda, die Melodie, die in der zweiten Hälfte dieses Liedes vorgestellt wird, wird in Esmeralda wieder aufgegriffen und voll ausgeschöpft. Ein bisschen Freude ist ebenfalls ein neues Vorstellungslied, dieses Mal für Phoebus, und basiert auf dem Leitmotiv des Gardehauptmanns aus dem Score des Films (zu hören beispielsweise in Paris Burning bei 0:41, Sanctuary! bei 5:12 oder Into the Sunlight bei 0:55). Hoch über der Welt ist ein neues Duett zwischen Quasimodo und Esmeralda. Wie schon Out There wurde auch Heaven’s Light/Hellfire aufgespalten. Es folgt das bereits erwähnte Esmeralda, das sich inhaltlich mit dem Score-Stück Paris Burning deckt. Trommeln in der Stadt basiert auf einem Motiv aus Sanctuary! und fungiert als Eröffnung des zweiten Aktes, in Weil du liebst versucht Phoebus Quasimodo zu überreden, mit ihm Esmeralda vor Frollo zu warnen und Tanz der Zigeuner ist ein Instrumentalstück, das Court of Miracles ersetzt. Wie aus Stein ist ein neues Sololied für Quasimodo und der wahrscheinlich beste Neuzugang. Einmal, bzw. die englische Version Someday, wurde von Alan Menken ursprünglich für den Film, genauer die Kirchenszene, in der jetzt God Help the Outcasts erklingt, komponiert, dann aber gestrichen und als Abspannlied verwendet (in einer fürchterlichen Pop-Version von All-4-One). Im Musical findet es nun einen neuen Platz kurz vor dem Finale und dient Phoebus und Esmeralda zur Reflexion über ihr Schicksal. Finale Ultimo schließlich verarbeitete die Score-Tracks Sacntuary!, He Shall Smite the Wicked, Into the Sunlight und The Bells of Notre-Dame (Reprise) und greift noch einmal fast alle wichtigen Melodien zumindest kurz auf.

Ich muss zugeben, dass ich das Musical während seiner Laufzeit nie gesehen habe, ich besitze lediglich die Cast-Aufnahme und habe mir eine abgefilmte Version auf Youtube angesehen. Insgesamt zeigt das Musical durchaus gut, wie die Probleme des Films verbessert werden können, gleichzeitig habe ich allerdings ein paar Probleme mit der Umsetzung. Da wäre zuerst die deutsche Version, bzw. die deutschen Texte von Michael Kunze, die manchmal sehr holprig und unelegant klingen. Die Texte der deutschen Filmsynchro waren zwar ein wenig kindgerechter, aber auch passender und flüssiger. Leider finde ich auch die Besetzung des Musicals nicht allzu gelungen. Das trifft besonders auf Frollo (Norbert Lamla) und Clopin (Jens Janke) zu, die meilenweit hinter Tony Jay und James Kendall zurückbleiben.

Das englische Musical
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Track Listing:

01. Olim
02. The Bells of Notre-Dame
03. Out There
04. Topsy Turvy Part 1
05. Rest and Recreation
06. Rythm of the Tambourine
07. Topsy Turvy Part 2
08. Notre-Dame (Intro)
09. God Help the Outcasts
10. Top of the World
11. Tavern Song (Thai Mol Piyas)
12. Heaven’s Light
13. Hellfire
14. Esmeralda
15. Entr’act
16. Flight Into Egypt
17. The Court of Miracles
18. In a Place of Miracles
19. Justice in Paris
20. Someday
21. While the City Slumbered
22. Made of Stone
23. Finale

Kommen wir nun zum eigentlichen Anlass dieses Artikels. Nach der Absetzung des durchaus erfolgreichen deutschen Musicals überlegte man bei Disney, ob und wenn ja wie man diesen Stoff an den Broadway bringen könnte. Man kam allerdings zu keinem Ergebnis und so verblieb „Der Glöckner von Notre-Dame“ mehr als zehn Jahre lang im Theater-Limbo, auch wenn Alan Menken und Stephen Schwartz immer wieder versuchten, etwas zu bewegen. An den Broadway hat es die Musical-Version des Disney-Films zwar nach wie vor nicht geschafft, aber immerhin existiert inzwischen tatsächlich eine englische Version, die zuerst von Oktober bis Dezember 2014 im La Jolla Playhouse in San Diego, Californien und später von März bis April 2015 im Paper Mill Playhouse in Millburn, New Jersey gespielt wurde. Nach wie vor ist keine Broadway-Version in Sicht, aber im Januar 2016 erschien immerhin eine Cast-Aufnahme. Auch hier gilt: Ich habe das Musical nicht live gesehen, nur abgefilmtes Material.

Die US-Version basiert auf dem Berliner Musical, wurde aber noch einmal überarbeitet und ist Victor Hugos Roman nun sogar noch näher. Der Fokus der amerikanischen Produktion liegt auf Frollo, der fast mehr der Protagonist ist als Quasimodo. Die größte Änderung findet sich bereits im Prolog: Frollo ist hier, wie im Roman, Erzdiakon von Notre-Dame, während der namenlose Erzdiakon des Films nicht auftaucht. Auch wurde der Prolog abgeändert und ist nun näher am Roman: Jehan Frollo taucht hier auf. Die Brüder werden als Waisen in Notre-Dame aufgezogen, Claude wird Priester, während Jehan der Kirche verwiesen wird, weil er eine Zigeunerin mit auf sein Zimmer nimmt. Jahre später stirbt Jehan an den Pocken und bittet seinen Bruder, seinen missgestalteten Sohn zu adoptieren. Im Roman ist Quasimodo zwar nicht Claude Frollos Neffe, aber eine ähnliche Szene findet sich auch bei Hugo, nur dass es Jehan ist, der dort nach dem Tod seiner Eltern von seinem älteren Bruder adoptiert wird. Diese Änderung sorgt auch dafür, dass sich The Bells of Notre-Dame hier textlich sehr stark von der Filmversion unterscheidet, da es von den Frollo-Brüdern statt vom Tod von Quasimodos Mutter erzählt. Nach dem radikal veränderten Prolog folgt das Musical der Filmhandlung, bzw. der Berliner Produktion verhältnismäßig genau, mit einigen Ausnahmen bzw. Anpassungen.

Bevor ich zur musikalischen Umsetzung komme, noch kurz ein paar Worte zur Inszenierung: Diese ist eher schlicht und sich ihrer Natur sehr bewusst. Statt Clopin durchgängig als Erzähler zu haben, der immer wieder zur Melodie von The Bells of Notre-Dame das Geschehen kommentiert und erläutert, gibt es hier einen zweiten Chor, bestehend aus den Darstellern, der diese Funktion übernimmt. Es kommt auch recht häufig vor, dass die Figuren die Exposition über sich selbst vortragen. Kostümwechsel finden ebenfalls zum Teil auf der Bühne statt, besonders markant ist hier das Ende von The Bells of Notre-Dame, wo sich der Quasimodo-Darsteller die Buckel-Prothese selbst anlegt und in die Rolle schlüpft.

Und nun zur Musik: Bis auf eine Ausnahme finden sich alle Lieder des Films in der Aufführung. Anders als in der deutschen Inszenierung fehlt hier allerdings nicht Court of Miracles, sondern A Guy Like You. Da das Lied der Wasserspeier (die hier erfreulicherweise ebenfalls fehlen) das in meinen Augen schwächste des Films ist, habe ich damit kein Problem. Manche Lieder der deutschen Produktion wurden ebenfalls übernommen, andere wurden gestrichen oder ersetzt. Ein bisschen Freude etwa ist nach wie vor Phoebus‘ Vorstellungslied, Tanz auf dem Seil dagegen ist der Schere zum Opfer gefallen, Esmeralda hat nun in Rythm of the Tambourine, während des Fests der Narren, ihren ersten Auftritt – genau genommen ist dieses Lied Teil von Topsy Turvy, das dreigeteilt wurde (Topsy Turvy Part 1, Rythm of the Tambourine, Topsy Turvy Part 2). Hoch über der Welt (Top of the World) hat es ebenfalls in die amerikanische Produktion geschafft, genauso wie Esmeralda, Einmal (Someday), Stadt aus Stein (Made of Stone) und Finale Ultimo (Finale). Trommeln in der Stadt wurde durch ein ähnlich geartetes Stück ersetzt, das nach seiner Funktion benannt ist: Entr‘act. Es handelt sich dabei um ein Medley diverser Melodien (Heaven’s Light, Someday und zwei Motive aus Sanctuary!), zu denen ein lateinischer Chor singt. Flight Into Egypt ersetzt A Guy Like You und A Place of Miracles Weil du liebst.

Betrachtet man die Castaufnahme des amerikanischen Musicals, fällt auf, dass sie weitaus üppiger ausfällt als ihr deutsches Gegenstück und auch viele der kürzeren Übergangsstücke und Reprisen beinhaltet. Dazu gehören zum Beispiel Notre Dame (Intro) und Justice in Paris – beide bedienen sich der Melodie von The Bells of Notre-Dame – sowie While the City Slumbered (Out There). Dann gibt es noch The Tavern Song (Thia Mol Piyas), der vollkommen neu ist, kurz vor Heaven’s Light stattfindet und eine weitere Begegnung zwischen Esmeralda und Phoebus darstellt, die von Frollo beobachtet wird.

Insgesamt sind die Lieder der amerikanischen Produktion sehr offen und erinnern fast schon an Score-Stücke, bestimmte Melodien tauchen immer wieder kurz in anderen Liedern auf. Diese Tendenz gab es bereits in der deutschen Produktion, ist hier aber ungleich stärker. Ein besonders gute Beispiel ist Esmeralda, das in der englischen Version fast doppelt so lang ist wie in der deutschen und, wenn auch oft nur sehr kurz, fast alle wichtigen Lieder des Musicals anspielt. Nach einer kurzen Szeneneinführung wird bei 0:34 die eigentliche Esmeralda-Melodie vorgestellt. Es folgt bei 1:10 ein bereits aus dem deutschen Musical bekanntes gesungenes Motiv, The Wicked Shall Not Go Unpunished (in der deutschen Version Der Zorn des Herrn trifft den, der Böses tut) das immer wieder auftaucht, bevor bei 1:22 die Melodie von The Bells of Notre-Dame genutzt wird, um die Handlung voranzubringen. Phoebus innerer Konflikt wird durch eine kurze Einspielung von God Help the Outcasts repräsentiert (2:41), während Frollos Reaktion auf seine Rettung durch Esemeralda gleichzeitig eine kurze Repise von Hellfire (3:21) ist. Schließlich kehrt das Lied bei 3:39 zu seiner eigentlichen Melodie zurück, allerdings nicht ohne dass noch ein paar Sekunden von Out There (4:19) zu hören sind.

Ohne die Produktion tatsächlich auf der Bühne gesehen zu haben muss ich sagen: Diese Version des Musicals schafft es, fast alle Schwächen der deutschen Version loszuwerden, nicht zuletzt dank des hervorragenden Casts. Michael Ardens Quasimodo unterscheidet sich recht stark von Tom Hulces sehr sensitiver Darstellung, funktioniert aber sehr gut. Im Gegensatz dazu ist es erstaunlich, wie sehr Patrick Pages Stimme der von Tony Jay ähnelt – es fehlt lediglich der britische Akzent. Auch Ciara Renée, Andrew Samonsky und Erik Liberman wissen als Esmeralda, Phoebus und Clopin zu überzeugen, auch wenn Letzterer eine weitaus kleinere Rolle als im Film oder der deutschen Produktion hat (wie gesagt, er ist nicht mehr der Erzähler) und Paul Kendall trotz allem nicht das Wasser reichen kann.

Fazit: Disneys Adaption von Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ ist ein sehr unebener Film – die Elemente, die gelungen sind, sind allerdings grandios. Die Musicaladaptionen, vor allem die englische, helfen ein wenig nach und sorgen für eine angemessenere Umsetzung. Da Disney sowieso gerade sämtliche Zeichentrickklassiker als Realfilm adaptiert, warum nicht diesen? Einfach die US-Version des Musicals so getreu wie möglich (und optisch grandios) als Film umsetzen. Das ist Disney wahrscheinlich zu riskant, aber zumindest ich würde das auf jeden Fall sehen wollen.

 

Deadpool

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Story: Beinahe-Ex-Söldner Wade Wilson (Ryan Reynolds) scheint mit Vanessa (Morena Baccarin) glücklich zu sein, jedenfalls bis bei ihm Krebs diagnostiziert wird. Verzweifelt begibt sich Wade in die Hände des zwielichtigen Ajax (Ed Skrein), der ihm Heilung durch künstliche Mutation verspricht. Der Prozess ist tatsächlich erfolgreich und verleiht Wade sogar zusätzliche Superkräfte wie Selbstheilung, hat aber auch einige Nachteile: Zum einen ist er nun äußerst unansehnlich und zum anderen plant Ajax, ihn und andere als Sklaven mit Superkäften zu benutzen. Darauf hat Wade natürlich absolut keinen Bock und sucht das Weite. In der Hoffnung, doch irgendwie sein altes Gesicht zurückzubekommen, schlüpft er anschließend in ein rotes Ganzkörperkondom und sucht als Deadpool nach Ajax…

Kritik: Was lange währt, wird endlich gut. Deadpool, erschaffen von Rob Liefeld und Fabian Nicieza, gehört zwar zu den Antihelden der 90er, parodiert diese und das Superheldengenre insgesamt allerdings. Der „Söldner mit der großen Klappe“ („Merc with a Mouth“) basiert lose auf dem DC-Comics-Charakter Deathstroke (was vor allem an Deadpools zivilem Namen deutlich wird; Deathstroke heißt im bürgerlichen Leben Slade Wilson, Deadpool Wade Wilson, außerdem sind beide Söldner und ähnlich bewaffnet und ausgerüstet) und ist sich der Tatsache, dass er eine Comicfigur ist, sehr bewusst. Deadpool-Comics verfügen grundsätzlich über einen sehr derben Metahumor, der Titelheld spricht den Leser oft direkt an, um über Comics, Superhelden und alle möglichen anderen Themen zu philosophieren (bzw. über sie herzuziehen).

Deadpool tauchte bereits in „X-Men Origins: Wolverine“ aus dem Jahr 2009 auf, auch dort bereits von Ryan Reynolds gespielt – diese Version der Figur hatte mit ihrem Comicgegenstück allerdings recht wenig zu tun – bis auf die große Klappe, versteht sich. Weder der Film noch diese Interpretation der Figur kamen besonders gut an. Ryan Reynolds selbst hatte großes Interesse daran, Deadpool noch einmal, und dieses Mal richtig, zu spielen, und kämpfte für diesen Film, bis er endlich in Produktion ging. Dabei wurde vor allem darauf geachtet, dass die Macher die nötige Freiheit bekamen und nicht auf ein PG-13-Rating achten mussten – das hätte einfach nicht funktioniert.

Nun, was soll ich sagen: „Deadpool“ ist genauso geworden, wie ich es erwartet und gehofft hatte. Der Grundplot ist sehr simpel und superheldentypisch, die Umsetzung aber ist Deadpool in Reinkultur. Rhet Reese und Paul Wernick, die Drehbuchschreiber (und wahren Helden) und Tim Miller (Regisseur und überbezahlter Idiot) haben es wirklich geschafft, die Essenz der Figur minutiös auf die Leinwand zu bringen. Ryan Reynolds erweist sich als Idealbesetzung für den echten Deadpool, der Humor, der mitunter ziemlich brachial ist und gern unter die Gürtellinie geht, funktioniert prächtig, die Action ist blutig, dreckig, überdreht und unterhaltsam und die ganzen Anspielungen auf diverse andere Superheldenfilme lassen den Kenner amüsiert schmunzeln. Auch die Nebenfiguren, allen voran die X-Men Vertreter Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) und Colossus (Stefan Kapičić) und natürlich Morena Baccarins Vanessa, wissen vollauf zu überzeugen.

Zwei kleinere Schwächen gibt es leider dennoch: Zum einen wäre da Ajax – das liegt nicht ausschließlich am Schauspieler, aber dieser Schurke ist schlicht und einfach langweilig, seinesgleichen hat man schon hundert Mal gesehen. Eine Motivation ist genauso wenig vorhanden wie ein Hintergrund, aber das hätte ich verzeihen können. Aber Ajax ist öde, er hat keine interessanten Kräfte, keine interessantes Outfit, kein interessantes Auftreten, gar nichts. Er erfüllt seine Grundfunktion im Plot, mehr nicht. Für einen überdrehten „Helden“ wie Deadpool hätte ich mir durchaus auch einen etwas schillernderen Schurken gewünscht. Die zweite Schwäche ist die Musik. Die Songauswahl ist sehr passend, aber Tom Holkenborg (alias Junkie XL) hat abermals etwas abgeliefert, das man kaum noch als suboptimal bezeichnen kann. Der Score klingt wie „Mad Max light“ und ist eine Ansammlung all dessen, was mir im zeitgenössischen Actionscoring gehörig auf den Geist geht: Übermäßige Verwendung von Percussions und nerviger Elektronik, extrem simple, rhythmische Konstrukte und keinerlei Substanz, geschweige denn Kreativität. Glücklicherweise wird „Deadpool“ tatsächlich stärker von der Songauswahl dominiert, was für mich ausnahmsweise einmal positiv ist.

Fazit: Grandiose, gewalttätige und völlig überzogene Superhelden-Persiflage. Genau so muss ein Deadpool-Film sein.

Trailer

Kingdom Come

Klassiker-Review
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Jedes noch so geniale Konzept kann schief gehen, wenn es zum Selbstzweck verkommt. „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“ werden zu Recht als Meisterwerke angesehen. Beide Graphic Novels hinterfragen und dekonstruieren das Superheldengenre, sie zeigen uns düstere Welten voller kaputter, labiler Menschen, die alles andere als strahlende Helden sind. Dieses Konzept wurde im Superheldengenre schon bald modern. Leider erwiesen sich viele der Autoren, die sich seiner bedienten, als weit weniger talentiert als Alan Moore und Frank Miller (bevor er das Gespür für gute Geschichten verlor, versteht sich) und so wurde das, was bei „The Dark Knight Returns“ und „Watchmen“ im Dienste der Geschichte und der Werkaussage stand, schon bald zum hohlen Gimmick. Auf den Seiten der Superheldencomics tummelten in den späten 80ern und frühen 90ern grimmige, amoralische und gewalttätige Helden, die von ihren Schurken kaum mehr zu unterscheiden und, noch viel schlimmer, einfach uninteressant waren – man stelle sich den Comedian ohne jegliche Tiefgründigkeit vor. Mit „Kingdom Come“ schufen Mark Waid und Alex Ross ein Traktat gegen diesen Trend, das nebenbei auch noch ein verdammt guter Superheldencomic ist.

Ähnlich wie „The Dark Knight Returns“ zeigt auch „Kingdom Come“ eine mögliche Zukunft des DC-Universums: Die Recken der Justice League sind mehr oder weniger in Rente. Superman wurde seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, Green Lantern (hier Alan Scott, der erste Held, der diesen Namen trug), sitzt in seiner grünen Festung im Orbit, Flash (Wally West) ist zu einer lebenden Verkörperung der Speed Force geworden und verhindert in seiner Heimatstadt Verbrechen, während sie geschehen und Batmans Geheimidentität wurde offen gelegt – inzwischen überwacht er Gotham von der Bathöhle aus mit einer Armee von Robotern. Statt ihrer haben neue „Helden“ das Ruder übernommen, die ganz dem Zeitgeist der 90er entsprechen: Magog, Von Bach, Stripes oder Americommando scheren sich nicht groß um Moral oder die Rettung Unschuldiger, für sie ist der Kampf zum reinen Selbstzweck geworden. Erst, als das völlig rücksichtslose Verhalten einiger dieser Helden zur Folge hat, dass Kansas atomar verstrahlt wird, beginnt sich die Lage zu ändern: Superman kehrt zurück und gründet mit seinen alten Freunden erneut die Justice League, um den unmoralischen Junghelden Einhalt zu gebieten, und das auf sehr autoritäre Weise. Das hat natürlich Folgen: Lex Luthor hält nach wie vor nicht allzu viel von Superman und Verbündet sich mit diversen Schurken, und auch Batman ist der Meinung, dass Superman die Dinge falsch anpackt und sammelt, zusammen mit Oliver Queen (Green Arrow) und Dinah Lance (Black Canary) sein eigenes Team, das vor allem aus den Kindern der diversen Justice-League-Mitgliedern besteht. Während Superman und die Liga die gefangenen Metawesen in einem gewaltigen Gulag unterbringen, droht ein Krieg zwischen Luthors Mankind Liberation Front, den Outsiders und der Justice League, der die Erde verwüsten könnte…
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Obwohl Mark Waid, der in der zweiten Hälfte der 90er zusammen mit Grant Morrison die DC-Figuren vom Archetypen des grimmigen Antihelden entfernte, als Autor aufgeführt wird, ist eigentlich Alex Ross die treibende Kraft hinter diesem Comic. Alex Ross ist weniger Zeichner als viel mehr Maler beeindruckender Superheldengemälde, und er ist auch bekennender Fan klassischer Superheldengeschichten. In den frühen 90ern schuf er zusammen mit Kurt Busiek die vierteilige Miniserie „Marvels“, die das klassische Marveluniversum aus der Sicht des einfachen Reporters Phil Sheldon zeigt, von den Anfängen in den 40ern bis in die Gegenwart (bzw. die 70er, also die Zeit, in der Ross selbst ein Kind war). „Marvels“ ist eine sehr schöne, aber auch sehr nostalgische Geschichte, die die vergangenen Zeitalter des amerikanischen Comics glorifiziert. In mancher Hinsicht ist „Kingdom Come“ das DC-Gegenstück (und das nicht nur, weil Ross es illustrierte und auch die ursprüngliche Idee hatte): Auch hier sehen wir ein Superheldenuniversum aus dem Blickwinkel eines ganz gewöhnlichen Menschen, des Priesters Norman McCay. Im Gegensatz zu Phil Sheldon ist Norman McCay allerdings nicht nur ein im Grunde unbeteiligter Beobachter, sondern er wird vom Spectre, dem personifizierten Zorn Gottes, ausgewählt, um ihm dabei zu helfen, ein Urteil über die Geschehnisse zu fällen, und kann so auch ein, zwei Mal eingreifen. Auch im Ton unterscheiden sich beide Werke: „Marvels“ ist letztendlich fast ausschließlich nostalgisch und, in Ermangelung eines besseren Wortes, „rückwärtsgerichtet“, während „Kingdom Come“ eine mögliche Zukunft des DC-Universums schildert und viel mehr versucht, mehrere Strömungen der Comicwelt miteinander zu verknüpfen.

Dennoch, vor allem zu Beginn scheint die Botschaft klar zu sein: Magog und die anderen Junghelden erinnern nicht von ungefähr an Antihelden der 90er wie Cable, Youngblood, Spawn etc., und sehr schnell werden sie dann auch von den klassischen Superhelden in ihre Schranken verwiesen. Aber „Kingdom Come“ ist nicht nur eine Geschichte, die das Silberne Zeitalter der Comics glorifiziert, denn schon bald zeigt sich, dass es eben nicht wieder möglich ist, zum alten Status Quo zurückzukehren, Superman und die Justice League können nicht einfach dort weitermachen, wo sie zehn Jahre zuvor aufgehört haben, sowohl sie selbst als auch die Welt haben sich verändert. Kann man der Anarchie der neuen Generation mit absoluter, moralischer Autorität, die nicht mehr weit von einer faschistischen Einstellung entfern ist, begegnen?

Dieser Konflikt, der sich durch das Werk zieht, wird letztendlich durch die drei zentralen Figuren des DC-Universums ausgetragen, und diese sind es auch, die „Kingdom Come“ im Hinblick auf „Batman V Superman: Dawn of Justice“ so interessant machen. In ihrem Kern dreht sich die Geschichte um Superman, Wonder Woman und Batman, die alle an interessanten Stellen in ihrem Leben sind. Nachdem Lois Lane vom Joker ermordet, und dieser wiederum von Magog getötet wurde, was bei der Öffentlichkeit großen Anklang fand, zieht sich Superman zurück und überlasst die Welt sich selbst, nur um zehn Jahre später, nach der Zerstörung von Kansas, zu versuchen, diesen Fehler wieder gut zu machen. Doch die Welt ist eine andere geworden. Wie geht man um mit jungen Metawesen, die keine Autorität anerkennen? Superman beginnt, Kontrolle auszuüben und die Metawesen einzusperren. Wonder Woman dagegen, nach wie vor eine unsterbliche Amazone, aber von ihrem Volk verbannt, da sie mit ihrer Friedensmission scheiterte, tendiert nun eher zu einer kriegerischen Natur und ist für ein noch härteres Durchgreifen: Sie befürwortet die Exekution abtrünniger Metawesen. Batman schließlich, gealtert, vom Kampf gezeichnet und auf ein Exoskelett angewiesen, geht Supermans autoritärer Kurs gegen den Strich (was ein wenig ironisch ist, bedenkt man, dass er Gotham mit Hilfe seiner Roboter quasi in einen Polizeistaat verwandelt hat). Lex Luthors MLF traut er aber genauso wenig und versucht letztendlich mit seinen Outsiders, die Katastrophe zu verhindern; er möchte, dass die Menschheit selbst über ihr Schicksal entscheiden kann.

„Kingdom Come“ wird öfter eine reaktionäre, rückwärtsgewandte Botschaft vorgeworfen, was ich allerdings nicht so ganz nachvollziehen kann, in meinen Augen versuchen Waid und Ross eher vor moralischer Arroganz zu warnen und eine Politik der Offenheit, Mäßigung und Aussöhnung vorteilhaft darzustellen: Am Ende lassen die Helden die Masken fallen. Wobei ich zugeben muss, dass der Epilog, der erst später angehängt wurde, zwar amüsant, aber für meinen Geschmack ein wenig zu positiv ist. Dafür finde ich allerdings die Charakterisierung Magogs sehr gelungen – Magog ist der primäre Repräsentant des neuen „Heldentypus“ der 90er, doch es erfolgt keine epische Schlacht zwischen ihm und Superman, in der der Mann aus Stahl beweist, dass er der bessere, weil altmodischere Held ist. Stattdessen bricht Magog zusammen und zeigt Reue für seine Taten – eine weitaus interessantere Wendung. Insgesamt bemüht sich „Kingdom Come“ so auch, die verschiedenen Strömungen im Superheldengenre wieder zusammenzubringen und zu versöhnen. Nach der gelungenen Dekonstruktion durch „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“ könnte man „Kingdom Come“ als Rekonstruktion verstehen, die die klassischen Elemente mit der modernen Strömung verbindet, ohne dass die Nostalgie zum selben Selbstzweck wird, wie es bei der grimmigen Kompromisslosigkeit der Antihelden der 90er der Fall war.

Was „Kingdom Come“ neben der gelungenen Darstellung des Konflikts und der Protagonisten ebenfalls so grandios macht, ist die Liebe zum Detail, mit der Waid und Ross zu Werk gegangen sind. In mancher Hinsicht ist diese Graphic Novel nicht besonders subtil, gerade, was die religiöse Metaphorik angeht, wird doch manchmal etwas dick aufgetragen – Norman McCay hat apokalyptische Visionen, die Superhelden wirken mehr denn wie olympische Götter, die einander bekriegen, ja selbst der Titel weißt darauf hin. Gleichzeitig stecken in den Seiten des Comics aber derart viele subtile Anspielungen und Hinweise, dass es eine wahre Freude ist. Zum Verständnis des Werkes ist kein umfassendes Wissen notwendig, es reicht aus, wenn man sich ein wenig im DC-Universum auskennt, aber für den Kenner und Fan gibt es so viele obskure kleine Details über das weitere Schicksal diverser Heroen, die vor allem in Alex Ross‘ üppigen Bildernversteckt sind. Diese sind natürlich ein weiterer Grund, weshalb „Kingdom Come“ funktioniert: Jedes einzelne Panel ist ein beeindruckendes Gemälde, die Bildsprache mag nicht besonders subtil sein, ist aber unglaublich wirksam, gleichzeitig realistisch und überlebensgroß.
outsiders

„Kingdom Come“ gehört zu jenen Comics, die sich als äußerst einflussreich erwiesen. Obwohl es sich nur um eine mögliche Zukunft des DC-Universums handelt, tauchten in den folgenden Jahren immer wieder Versatzstücke des Werkes in der Mainstream-Kontinuität auf. Mark Waid verfasste bald darauf sogar eine mehr oder weniger offizielle Fortsetzung namens „The Kingdom“, von der Alex Ross allerdings nicht allzu begeistert war und die auch bei mir einen eher zwiespältigen Eindruck hinterlassen hat. Eigentlich handelt es sich bei „The Kingdom“ um eine Reihe von lose miteinander verbundenen One-Shots, einige davon setzen die Handlung von „Kingdom Come“ fort, andere beschäftigen sich mit den Hintergründen. Manche sind durchaus gelungen, etwa die, die sich mit Nightstar, der Tochter von Starfire und Nightwing, und Ibn al Xu’ffasch, dem Sohn von Batman und Talia, beschäftigen, aber als Gesamtwerk ist „The Kingdom“ qualitativ sehr weit vom Vorgänger entfernt. DC nutzte „The Kingdom“ auch, um das Konzept der Hypertime vorzustellen. Dabei ging es mehr oder weniger darum, das alte Mulitversum, dessen DC sich wegen seiner Unübersichtlichkeit entledigt hatte, auf gewisse Weise wieder einzuführen, allerdings nicht als wirklich absolutes Konzept. Das Resultat dieses Versuchs sorgte letztendlich vor allem für Verwirrung. Wie dem auch sei, auch nach „The Kingdom“ tauchten Versatzstücke, Figuren und Plotelemente aus „Kingdom Come“ immer wieder auf, besonders dann, als DC das Multiversum im Rahmen der „Infinte Crisis“ tatsächlich zurückbrachte.

Fazit: „Kingdom Come“ ist nicht nur ein absoluter visueller Genuss, sondern auch eines der essentiellen Superheldenwerke der 90er und für jeden Fan des Genres ein Must-Read. Gerade im Hinblick auf „Batman V Superman: Dawn of Justice“ ist die Lektüre lohnenswert, da es durchaus möglich ist, dass sich das nun gestartete DC Extended Universe in diese Richtung bewegt. Jedenfalls wäre in meinen Augen ein an „Kingdom Come“ angelehnter Film ein gelungener Abschluss für ein derartiges Unternehmen.

Kampf der Giganten:
Prämisse
TDKR: Batman vs. Superman
S:TAS: World’s Finest

Blogparade: Best Parent/Child-Relationships

Derzeit schwirren wieder einige interessante Blogparaden durch die Blogger-Sphäre. Bei ein paar musste ich aus Zeitgründen leider passen, aber die eine oder andere möchte ich dann doch wahrnehmen. Amerdale etwa fragt nach den besten Eltern-Kind-Beziehungen (inklusive Adoptiveltern). Um das Ganze für mich noch ein wenig interessanter zu machen, füge ich der ursprünglichen Prämisse ein kleines Adjektiv hinzu: „Best Toxic Parten/Child Relationships“. Also, frisch ans Werk:

Tywin Lannister und Tyrion Lannister („Game of Thrones“)
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In „A Song of Ice and Fire“, bzw. „Game of Thrones“, gibt es viele, viele, viele interessante Eltern/Kind-Beziehungen, von den eher positiven der Starks bis hin zu verstörenden Verhältnissen wie dem von Lysa und Robert/Robin Arryn. Ramsay und Roose Bolton sind dann noch mal ein ganz eigenes Kapitel. Ich habe mich aber für die Dynamik entschieden, die insgesamt am meisten Auswirkungen hat und auch mit Abstand am interessantesten ist. Tywin Lannister ist ein extrem fähiger Feldherr, Herrscher und Manipulator, aber er hat eine große Schwäche: Was seine Kinder angeht neigt er zu Blindheit. Er weigert sich, das Verhältnis zwischen Jaime und Cersei zu bemerken, und ebenso weigert er sich, die Talente von Tyrion wahrzunehmen. Tywin macht Tyrion für den Tod seiner Frau Joana verantwortlich und verachtete ihn, weil er kleinwüchsig und promiskuitiv ist – für Ersteres kann Tyrion nichts, und Letzteres wurde mehr oder weniger von Tywin selbst ausgelöst. Es gibt ein, zwei Momente, in denen Tywin tatsächlich die Talente seines Sohnes anerkennt, vor allem natürlich, als er ihn als sein Stellvertreter nach King’s Landing schickt. Aber insgesamt dürfte es niemanden verwundern, dass diese Vater/Sohn-Beziehung mit Patrizid endet.

Ra’s al Ghul und Talia al Ghul („Batman“)
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Ra’s al Ghul ist ein unsterblicher Terrorist, der 90 Prozent der Erdbevölkerung auslöschen möchte, um die Welt vor dem Virus Mensch zu retten. Die restlichen 10 Prozent möchte er als unangefochtener Herrscher in ein neues, goldenes Zeitalter führen. Stets an seiner Seite ist seine Tochter Talia, die als seine rechte Hand und Stellvertreterin fungiert. Ra’s hat allerdings nicht vor, ewig zu leben, da auch seiner Unsterblichkeit Grenzen gesetzt sind. Er möchte, dass Batman sein Nachfolger wird und seine Tochter heiratet. Und tatsächlich verlieben sich Talia und Batman ineinander – und ab hier wird es interessant. Da Batman starke Probleme mit Mord und Totschlag hat, kann er natürlich nicht dazu bewegt werden, an all dem teilzunehmen und wird so zu Ra’s al Ghuls erbittertstem Feind. Talia ist nun hin und her gerissen zwischen der Treue zu ihrem Vater und der Liebe zu Batman. Diese ganze Dynamik ist hochinteressant und wurde vor allem in „Batman: The Animated Series“ exzellent umgesetzt. Leider lässt hier „The Dark Knight Rises“ zu wünschen übrig, da Talia dort ganz eindeutig als reine Widersacherin Batmans fungiert, die sich zu Beginn nur verstellt und keine echten Gefühle für ihn hat.

Darth Vader/Anakin Skywalker und Luke Skywalker („Star Wars“)
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Natürlich darf die ultimative Fehde zwischen Vater und Sohn hier nicht fehlen. Was soll man sonst noch groß dazu sagen? Vader erfährt erst sehr spät, dass er überhaupt einen Sohn hat, und kurz bevor er Luke die freudige Nachricht überbringt, schlägt er ihm die Hand ab: Wenn das nicht väterliche Liebe ist. Trotzdem endet das Ganze letztendlich gut, denn immerhin entdeckt Vader gerade noch rechtzeitig seine Liebe zu seinem Sohn. Ein dysfunktionales Verhältnis mit Happy-End.

Batman/Bruce Wayne und Robin/Damian Wayne („Batman“)
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Wie die Mutter, so der Sohn. Der 1987 erschienene Batman-Comic „Der Sohn des Dämons“, in dem Batman mit Talia al Ghul einen Sohn zeugt, galt lange als nicht-kanonisch, besagter Sohn taucht lediglich in diversen anderen Geschichten außerhalb der normalen Kontinuität auf, etwa in „Kingdom Come“ unter dem Namen Ibn al Xu’ffasch (Arabisch für „Sohn der Fledermaus“) oder „Bündnis der Batmen“ (hier heißt er Tallant). Erst 2006 wurde er als Damian Wayne dank Grant Morrison Teil der normalen Kontinuität. Die Figur selbst mag ich ehrlich gesagt nicht besonders, aber die Dynamik zwischen Vater und Sohn ist sehr interessant: Da haben wir zum einen Damian, der von Ra’s al Ghuls Liga der Assassinen aufgezogen wurde und keine Hemmungen hat, Gegner zu töten. Auf der anderen Seite ist Batman, dem dieses Verhalten extrem gegen den Strich geht, der sich aber dennoch für Damian verantwortlich fühlt und weiß, dass dieser an seiner Lage eigentlich keine Schuld trägt, weil er von einer Bande von Auftragsmördern erzogen wurde. Damian wird später, sowohl unter Dick Graysons als auch Bruce Waynes Batman, in erster Linie deshalb zu Robin, um ihn zu kontrollieren und ihm die richtigen Werte beizubringen.

Richter Claude Frollo und Quasimodo („Disneys Der Glöckner von Notre-Dame“)
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Wenn der Ziehvater die leibliche Mutter des adoptierten Sohnes tötet und dann vom Erzdiakon moralisch dazu erpresst wird, besagten Sohn großzuziehen, dann ist das nicht unbedingt die beste Voraussetzung für eine gelungene Vater/Sohn-Beziehung. Frollo ist kalt und grausam, versteckt Quasimodo im Glockenturm von Notre-Dame und redet ihm ein, aufgrund seiner Entstellung sei er ein Monstrum und würde in der Welt draußen nie akzeptiert werden. In der Romanvorlage ist Frollo immerhin ein wenig sympathischer und adoptiert Quasimodo tatsächlich aus Mitgefühl. Allerdings benutzt er ihn dann, um Esmeralda nachzustellen. Auch nicht gerade optimal.

Atia und Octavia; Octavius („Rome“)
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Atia von den Iuliern ist eine der zentralen Figuren von HBOs „Rome“ und basiert lose auf der historischen Atia Balba Caesonia, die tatsächlich Nicht von Gaius Iulius Caesar und Mutter von Augustus war, über die sonst aber nicht allzu viel bekannt ist. Sie gilt, im gegensatz zur Serienversion, eher als zurückhaltend und keusch, starb bereits ein Jahr nach Caesar und erlebte somit den Aufstieg ihres Sohnes zum Princeps nicht mit. Die fiktionalisierte Version ist ein intrigantes, opportunistisches und genusssüchtiges Miststück, wird aber von Polly Walker unglaublich unterhaltsam gespielt. Um Macht und Einfluss zu bekommen benutzt Atia alle Mittel, die ihr zur Verfügung stehen, und dazu gehören auch ihre Kinder: Sie ruiniert die Ehe ihrer Tochter Ocatvia und versucht, sie an Pompeius Magnus zu verschachern, schickt ihren Sohn Octavius auf eine gefährliche und im Grunde sinnlose Mission nach Gallien und manipuliert beide emotional, wo und wie sie nur kann. Als Octavius dann später zu einem kalten, berechnenden und manipulativen Herrscher wird, fragt sie sich auch noch ernsthaft, was sie falsch gemacht hat.

Darkseid und Orion („Fourth World“)
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Seit ewigen Zeiten lagen die Götter der Planeten New Genesis (paradisische Welt) und Apokolips (höllisches Gegenstück) miteinander im Streit. Schließlich entschlossen sich die beiden Anführer, Highfather und Darkseid, zu einem Friedensvertrag. In dessen Rahmen tauschten sie ihre Söhne aus. So wurde Orion auf New Genesis großgezogen, ist aber geprägt von seinem finsteren Erbe, einem tiefen Zorn und der Lust am Krieg. Dieses Erbe kanalisiert er im Kampf gegen seinen Vater und die Horden von Apokolips. Tatsächlich wurde ihm prophezeit, dass er es einst sein würde, der Darkseid tötet. Die Rivalität besteht bereits, seit Jack Kirby die New Gods in den 60ern für DC Comics erfand. Ein besonders interessanter Ausgang ihres Konflikts findet sich in  „Kingdom Come“, einer alternativen Zukunftsvision: Dort hat Orion es geschafft, Darkseid niederzustrecken. Er übernimmt die Herrschaft über Apokolips und muss schließlich feststellen, dass er seinem Vater immer ähnlicher wird.

Magneto/Erik Lehnsherr und Scarlet Witch/Wanda Maximoff; Quicksilver/Pietro Maximoff („X-Men“)
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Ich beziehe mich hier in erster Linie auf die Comics, da es in den Filmen diesbezüglich kaum Material gibt: In „Avengers: Age of Ultron“ tauchen die Zwillinge zwar auf, sind aber (schon aus rechtlichen Gründen) weder Mutanten noch Magnetos Kinder, während in „X-Men: Days of Future Past“ zwar angedeutet wird, dass Quicksilver Magnetos Sohn ist, aber dabei wird es belassen. Die Beziehung zwischen dem Vater und den Zwillingen ist sehr, sehr wechselhaft: Zu Anfang kämpfen sie in seiner Bruderschaft der Mutanten, später sind sie sogar Mitglieder der Avengers und arbeiten auch öfter gegen Magneto. Ebenso wechselhaft ist die private Beziehung: Mal ist Magento fast schon fürsorglicher Vater, mal ist er kalt, unnahbar und setzte seine Kinder gnadenlos für seine Zwecke ein. Und dann kann es hin und wieder passieren, dass Scarlet Witch durchdreht, mit ihren Kräften die Realität verändert und Magneto selbst sie aufhalten muss. Eine wirklich bewegte Familiengeschichte.

Mutter Gothel und Rapunzel („Tangeld“)
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Die Beziehung von Gothel und Rapunzel ähnelt der von Frollo und Quasimodo: Auch Gothel versucht um jeden Preis zu verhindern, dass Rapunzel mit der Außenwelt in Kontakt gerät. Im Gegensatz zu Frollo, der dies eher aus psychologischen Gründen tut, sind ihre Absichten handfester: Rapunzels magische Haare sorgen dafür, dass jung bleibt, und sie möchte absolut nicht teilen. Auch ihr Vorgehen ist etwas subtiler als Frollos. Manchmal hat sie zwar gewisse Arschlochtendenzen, aber im Großen und Ganzen heuchelt sie vor, Rapunzel tatsächlich zu lieben, ihr wahres Gesicht zeigt sie erst, als es ernst wird.

Odin und Loki („Thor“)
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Ein weiteres Verhältnis zwischen Adoptivvater und -sohn, das nicht besonders idyllisch ist: Der vom König der Götter adoptierte Eisriese, der glaubt, selbst Ase zu sein und einen Hass auf seine eigene Art entwickelt. Während Loki gemeinhin der ist, der als Schurke verstanden wird, ist Odin nun auch nicht unbedingt der beste Vater, zumindest für seinen Adoptivsohn. Vor allem in den MCU-Filmen wirkt dieser familiäre Konflikt wirklich, als käme er von Shakespeare, was wohl daran liegt, dass sowohl Loki als auch Odin von ausgebildeten Thespianern gespielt werden.