Der König in Gelb

Halloween 2015
königgelb
Viele Autoren, die zu Lebzeiten produktiv und erfolgreich sind, werden nach ihrem Tod oft relativ schnell vergessen. Manche haben immerhin das Glück, zumindest für ein Werk in Erinnerung zu bleiben und Spuren zu hinterlassen. Robert W. Chambers ist hierfür ein gutes Beispiel. Der 1865 geborene und 1933 gestorbene Autor verfasste über 80 Werke, die während seines Lebens sehr populär waren, doch in der Zwischenzeit erinnert man sich an Chambers vor allem wegen der Kurzgeschichtensammlung „Der König in Gelb“, und das auch nicht einmal so sehr wegen der Geschichten selbst, sondern eher wegen ihres Einflusses.

Die Sammlung enthält (zumindest in meiner Ausgabe) sieben Geschichten: „Der Wiederhersteller des guten Rufes“, „Die Maske“, „Am Hofe des Drachen“, „Das Gelbe Zeichen“, „Die Jungfer d’Ys“, „Das Paradies der Propheten“ und „Die Straße der vier Winde“. Eine Genre-Zuordnung ist nicht ganz einfach, die Geschichten haben alle ein übernatürliches Element und sind im weiteren Sinne Horror, passen aber nicht wirklich zur Schauerliteratur der Zeit („Der König in Gelb“ erschien 1895). Stattdessen besitzen einige der Kurzgeschichten, in erster Linie die ersten vier, ein Lovecraft’sches Element, das ihrer Zeit gewissermaßen voraus ist. Die restlichen Geschichten sind eher abstrakt-romantisch denn wirklich gruselig, in „Die Jungfer d’Ys“ verliebt sich der Protagonist beispielsweise in einen Geist.

„Die Wiederherstellung des guten Rufes“, „Die Maske“, „Am Hof des Drachen“ und „Das Gelbe Zeichen“ werden durch ein Element verbunden, den titelgebenden „König in Gelb“. Es handelt sich dabei um ein Theaterstück, dessen erster Akt noch recht trivial ist, während die Lektüre des zweiten Aktes, selbst wenn man nur wenige Worte liest, einen wegen der schrecklichen Wahrheiten, die er enthüllt, unweigerlich in den Wahnsinn treibt. Dies geschieht zum Beispiel mit dem Protagonisten von „Die Wiederherstellung des guten Rufes“. Mit dem Theaterstück ist eine bösartige Entität verbunden, die ihm seinen Namen gibt. Natürlich enthüllt keine der Geschichten, um welche schrecklichen Wahrheiten es sich eigentlich handelt, was es wirklich mit dem titelgebenden König auf sich hat oder worum es in dem Stück eigentlich geht – es werden nur ein paar sehr kurze Auszüge wiedergegeben, die allesamt aus dem ersten Akt stammen.

Das ruft sicher nicht nur bei mir Erinnerungen an Lovecrafts Necronomicon und seine zerstörerischen Götter hervor. Es stimmt allerdings nicht, dass Chambers den „Cthulhu-Mythos“ oder das Necronomicon inspirierte, wie manch einer behauptet – Lovecraft las „Den König in Gelb“ erstmals 1927, zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits „The Hound“, „The Festival“ und diverse andere Geschichten geschrieben, die zum Mythos gerechnet werden und in denen das Necronomicon bereits auftaucht. Dennoch war er von Chambers Geschichten fasziniert und versteckte einige Anspielungen in seinen eigenen Werken, manchmal ziemlich offensichtlich, andere subtiler. In „History of the Necronomicon“ wird beispielsweise angemerkt, dass besagtes Werk Chambers inspiriert haben könnte. Darüber hinaus tauchen diverse Elemente aus „Der König in Gelb“ in Lovecrafts Geschichten (zum Beispiel in „The Whisperer in Darkness“) auf, unter anderem die mysteriöse Stadt Carcosa, Hastur, der See von Hali oder das Gelbe Zeichen. Interessanterweise stammen die erwähnten Eigennamen nicht von Chambers selbst, dieser entlehnte sie aus einigen Kurzgeschichten von Ambrose Bierce.

Nach Lovecrafts Tod konzipierte August Derleth Lovecrafts Geschichten zum „Cthulhu-Mythos“ und integrierte Chambers‘ Werk darin: Hastur wurde zu einem der „Great Old Ones“, der König in Gelb zu einem seiner Avatare etc.; somit tauchten Elemente aus „Der König in Gelb“ nun auch kontinuierlich in den Geschichten anderer Autoren auf. Einige Autoren entdeckten allerdings auch Chambers‘ ursprüngliches Werk und versuchten, daran statt an Lovecraft und Derleth anzuknüpfen. In der Zwischenzeit sind diverse Kurzgeschichtensammlungen erschienen, die die Thematik von Chambers‘ Werk fortsetzen (zum Beispiel „The King in Yellow: An Anthology“ oder „A Season in Carcosa“), diverse Autoren haben versucht, das titelgebende Theaterstück zu „rekonstruieren“, darunter Lin Carter und Thom Ryng) und auch sonst tauchen Anspielungen immer wieder auf, etwa in den Werken von Marion Zimmer Bradley oder George R. R. Martin. Es existiert sogar ein Wiki zum „Gelben Mythos“ (siehe hier).

Letztes Jahr erhielt Chambers‘ Kurzgeschichtensammlung darüber hinaus noch einen Popularitätsschub aus ungeahnter Quelle: In der hochgelobten ersten Staffel der Anthologieserie „True Detective“ tauchen immer wieder Verweise auf den „König in Gelb“ auf, vor allem in der zweiten Episode, in der die Ermittler Rust (Matthew McConaughey) und Cole (Woody Harrelson) das Tagebuch eines ermordeten Mädchens untersuchen, das mit Verweisen und Zitaten aus Chambers Text gefüllt ist. Es finden sich im Verlauf der Serie noch diverse weitere Erwähnungen und Verweise, die dann in einem Finale kulminieren, das an einem Ort stattfindet der, wie könnte es anders sein, als Carcosa bezeichnet wird. Was „True Detective“ ohnehin interessant macht ist, dass gewisse Aspekte der Serie (bzw. der ersten Staffel) doch stark an Chambers und vor allem an Lovecraft erinnern; nicht per se das Charakterdrama, aber einige andere Elemente. Rust hätte gut als Lovecraft’scher Protagonist funktionieren können, und auch die Art und Weise, wie Atmosphäre aufgebaut wird und wie der Kult handelt erinnert an den Schriftsteller aus Providence. „True Detective“ ist natürlich nicht dem Genre „kosmischer Horror“ zuzuordnen, das Lovecraft quasi begründete, aber hin und wieder gibt es doch zumindest sehr subtile Hinweise, dass da mehr sein könnte als nur die profane Welt…

Fazit: Selbst Freunden von Lovecraft’schem Horror ist „Der König in Gelb“ vielleicht zu zahm und zu abstrakt – die Geschichten werden erst richtig interessant, wenn man ihre Wirkung kennt. Dennoch: Als Fan von Lovecraft (oder „True Detective“) sollte man Chambers‘ Werk gelesen haben.

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2 Kommentare zu “Der König in Gelb

  1. Krass! Ich hatte keine Ahnung, dass der gelbe König/König in Gelb dadurch inspiriert ist und muss auch gestehen, dass ich Chambers gar nicht kenne. Jetzt bekomme ich aber ziemlich Lust mal in das Buch reinzuschauen … die Idee (fast) allen Geschichten einen gemeinsamen Nenner zu geben, mag ich sehr. Allgemein wenn Autoren sich ihre eigenen Metaebene schaffen. Dadurch wirkt die Welt aus der sie erzählen immer gleich ein Stück tiefer, überlegter und realer.

    • hemator sagt:

      Mir war Chambers als Name durch Lovecraft immerhin geläufig, aber bis vor kurzem hätte ich ihn auch nicht recht einordnen können. Einer der Vorzüge von „True Detective“ ist auch, dass das Buch jetzt wieder neu aufgelegt wird – sieht man auch am Umschlag, im roten Kreis und auf der Rückseite wird explizit auf die Serie (und Lovecraft) hingewiesen.

      Ja, derartige Verbindungen finde ich auch immer toll. Gerade bei Lovecraft ist das ja noch stärker, die Geschichten bauen zwar nicht zwangsweise aufeinander auf, aber es gibt immer gemeinsame Elemente, diabolische Gottheiten wie Cthulhu, verbotene Bücher wie das Necronomicon oder Orte wie Arkham und Innsmouth, die mal wichtig sind, mal nur nebenbei erwähnt werden, aber trotzdem für eine gewisse Einheitlichkeit sorgen. Walter Moers macht das in seinen Zamonien-Romanen ja auch ganz ähnlich.

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