Das Märchen der Märchen

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Story: Drei Königreiche, drei Geschichten: Im Königreich Strongcliff herrscht ein Hedonist (Vincent Cassel), der eine Frau namens Imma (Shirley Henderson) begehrt, die er eines Morgens wunderschön singen hört; anschließend versucht er alles, um sie zu verführen. Das Problem: Imma ist alt und hässlich. Dennoch hofft sie, den König irgendwie täuschen zu können, um für sich und ihre ebenso hässliche Schwester Dora (Hayley Carmichael) Vorteile gewinnen zu können.

Das Herrscherpaar von Longtrellis hofft derweil vergebens auf Nachwuchs. Erst als ein mysteriöser alter Mann (Franco Pistoni) der Königin (Salma Hayek) sagt, was sie tun muss (das Herz eines Seeungeheuers essen, das von einer Jungfrau zubereitet wurde), wird sie schwanger, ebenso wie die kochende Jungfrau. Der Prinz Elias (Christian Lees) und der Sohn der Jungfrau Jonah (Jonah Lees) gleichen sich wie Zwillinge und sind unzertrennlich, was der Königin nicht behagt. Letztendlich schmiedet sie eine Intrige, um beide auseinanderzubringen.

Und dann ist da noch der König von Highhills (Toby Jones), der kaum Interesse an seiner Tochter Violet (Bebe Cave) zeigt und sich stattdessen lieber um einen riesigen Floh kümmert. Nachdem das Tier gestorben ist, lässt er es häuten, derjenige, der erkennt, von welchem Tier die Haut stammt, darf Violet heiraten. Dummerweise rät ein menschenfressender Riese richtig.

Kritik: Märchenfilme (bzw. märchenhafte Filme) sind gerade wieder ordentlich populär, nicht zuletzt, weil Disney einen nach dem anderen auf den Markt wirft, letztes Jahr hatten wir „Maleficent“ und „Into the Woods“, dieses Jahr „Cinderella“ und „Pan“ (nicht von Disney, aber trotzdem), und so wie es aussieht, wird der Trend in den nächsten Jahren munter fortgesetzt. „Das Märchen der Märchen“, eine französisch-britisch-italienische Koproduktion von Regisseur Matteo Garrone, könnte man gewissermaßen als europäische Antwort auf diesen Trend verstehen. Der Titel des Films ist auch der (bzw. ein) Titel der Vorlage: Die drei Geschichten, die der Film erzählt, stammen aus einer Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert, dem „Pentameron“, mit dem Untertitel „Das Märchen der Märchen“. Das Pentameron ist verhältnismäßig unbekannt, es handelt sich dabei um eine der ersten europäischen Märchensammlungen. Giambattista Basile sammelte diverse, mündlich überlieferte Märchen und verfasste eine Rahmenhandlung, die ein wenig an die der „Märchen aus 1001 Nacht“ erinnert. Besagte Rahmenhandlung erstreckt sich über fünf Tage, in deren Verlauf insgesamt 50 Märchen erzählt werden, zehn pro Tag – von diesem Umstand rührt auch der Titel, pentamerone bedeutet „Fünftagewerk“, während der Untertitel besagt, dass dies ein Märchen ist, in dem Märchen erzählt werden. Diese Bedeutung geht bei der Verfilmung leider verloren, da es hier keine Rahmenhandlung gibt, die drei adaptierten Märchen („Der Floh“, „Die hinterlistige Hirschkuh“ und „Die geschundene Alte“) sind inhaltlich fast völlig voneinander getrennt, nur am Anfang und am Ende gibt es Verknüpfungen, was ich ziemlich schade finde, da der Metaaspekt verloren geht. Von diesem Umstand einmal abgesehen ist „Das Märchen der Märchen“ allerdings sehr gelungen.

Wie bei den meisten anderen Märchenverfilmungen auch war es nötig, die Geschichte der Vorlage auszudehnen und um Details zu erweitern; alle drei Geschichten sind nur wenige Seiten lang. Garrone und seine Drehbuchautoren folgen dem inhaltlichen Verlauf zumeist sehr genau, schmücken die Handlung aber ziemlich aus und streichen auch hin und wieder das eine oder andere alberne Element. So werden in „Die hinterlistige Hirschkuh“ nicht nur Königin und Jungfrau schwanger, sondern auch sämtliche Gegenstände des Schlosses, und das Ende der Geschichte unterscheidet sich ziemlich von dem der Vorlage. Insgesamt sind Basiles Märchen weitaus unangenehmer und auch sprachlich sehr viel harscher als die der Gebrüder Grimm: vor allem Happy-Ends sucht man hier vergebens, die Figuren sind am Ende entweder zumindest von den Ereignissen stark gezeichnet, oder aber scheitern grandios an ihrer eigenen Selbstsucht und ihrem unreflektierten Verlangen. Der Film beschönigt diesbezüglich nichts. Obwohl die Stimmung durchaus märchenhaft ist und viele typische Merkmale des Genres auftauchen, besitzt der Streifen einen ziemlich grimmigen Grundton und einige äußerst graphische Szenen. „Das Märchen der Märchen“ ist definitiv kein Kinderfilm, die Altersfreigabe ab 12 wird ziemlich weit ausgereizt und ist meiner Meinung nach durchaus diskutabel.

Schauspielerisch ist „Das Märchen der Märchen“ sehr solide, die Darsteller sind allesamt gut gewählt und erfüllen ihre Aufgabe, der Film verlangt ihnen allerdings selten Höchstleistungen ab, bis auf Toby Jones, der in seiner Rolle wirklich aufgeht. Vincent Cassel und Salma Hayek dagegen wirken hin und wieder etwas unterfordert. Was „Das Märchen der Märchen“ wirklich herausragend macht, ist die grandiose Atmosphäre, zugleich märchenhaft und bizarr. Sie ist dicht, dekadent, üppig, manchmal grotesk, abartig und düster, aber in ihrer Renaissance-Pracht immer herrlich anzuschauen. Das liegt unter anderem auch an den beeindruckenden Drehorten; Garrone ließ sich diesbezüglich nicht lumpen und verwendete einige der beeindruckendsten Schlösser und Burgen Italiens als Kulisse für seinen Märchenfilm.

Fazit: Grandioser, üppig-grotesker europäischer Märchenfilm, der die Konkurrenz aus Hollywood allein mit seiner Kompromisslosigkeit und seinen visuellen Einfällen ziemlich alt aussehen lässt.

Trailer

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2 Kommentare zu “Das Märchen der Märchen

  1. heimkinotagebuch sagt:

    „Tale of Tales“ hat mich während der Sichtung im Kino weniger gepackt, aber der Film wächst in der Rückbetrachtung. Anders als bei vielen (Hollywood)-Filmen bleiben Bilder, Szenen und Charaktere hängen, weil der seine ganz eigene Bildsprache und auch eine ganz eigenwillige Erzählweise hat. Danke für die tolle Rezension und auch meinerseits eine Empfehlung diesem zu Unrecht wenig beachteten Film eine Chance zu geben.

  2. hemator sagt:

    Ich danke für das Lob 😉 Ja, dieser Film kann nicht genug empfohlen werden, gerade weil die Bildsprache so grandios ist und natürlich, weil er als Märchenfilm so untypisch ist, aber trotzdem eindeutig als solcher funktioniert.

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