The Princess and the Queen

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„The Winds of Winter“ lässt zwar immer noch auf sich warten, und die vierte Staffel von GoT ist nun vorbei, allerdings gibt es gerade in diesem Jahr noch andere Möglichkeiten, den Westeros-Hunger zu stillen, und zwar in Form zweier neuer Novellen. Novellen aus der Welt von Eis und Feuer sind nun nichts Neues, schon früher wurden zum Beispiel die Daenerys-Kapitel aus „A Game of Thrones“ und „A Storm of Swords“ sowie die Iron-Island-Kapitel aus „A Feast for Crows“ ausgegliedert und als separate Novellen verkauft (was für jemanden, der besagte Romane gelesen hat, natürlich belanglos ist), und, viel wichtiger und interessanter, es gibt auch noch die drei Heckenritter-Novellen, die von den Abenteuern von Ser Duncan dem Großen und seinem Knappen Egg (später Aegon, der fünfte seines Namens, König der Andalen, der Rhoynar und der Ersten Menschen, Lord der Sieben Königslande und Protektor des Reiches) erzählen.
In dem von George R. R. Martin und Gardner Dozois herausgegebenen Sammelband „Dangerous Women“ sollte ursprünglich die vierte Heckenritter-Geschichte mit dem Titel „The She-Wolves of Winterfell“ erscheinen, diese wurde allerdings auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben, stattdessen enthält „Dangerous Women“ nun eine andere Novelle aus Westeros mit dem knappen Titel „The Princess and The Queen, or, The Blacks and The Greens – Being A History of the Causes, Origins, Battles, and Betrayals of that Most Tragic Bloodletting Known as the Dance of the Dragons, as set down by Archmaester Gyldayn of the Citadel of Oldtown“. Da dieser Titel doch ein wenig umständlich ist, wird er zumeist auf „The Princess and the Queen“ verkürzt.
Vor allem, wenn man sich „The Princess and the Queen“ stilistisch betrachtet, unterscheidet sich die Novelle ziemlich sowohl vom „Lied von Eis und Feuer“ als auch den Heckenritter-Novellen. Beide werden von einem heterodiegetischen Erzähler mit interner Fokalisierung erzählt, die Heckenritter-Novellen erlebt der Leser ausschließlich aus der Perspektive Dunks, und in Eis-und-Feuer-Romanen gibt es pro Kapitel immer einen PoV-Charakter, durch dessen Augen der Leser das Geschehen verfolgt. „The Princess and the Queen“ dagegen ist als pseudohistorisches Dokument verfasst, der fiktive Autor, Erzmaester Gyldayn, ist Teil der erzählten Welt, hat aber wahrscheinlich keines der Ereignisse mit eigenen Augen erlebt. Zwar wird nicht eindeutig gesagt, wann Gyldayn seinen Text niedergeschrieben hat, es wirkt allerdings so, als hätte er die Ereignisse nicht selbst miterlebt, da er sich immer wieder auf andere Quellen beruft.
Dieser Umstand hat zur Folge, dass die Geschichte eher unpersönlich erscheint, eben mehr wie ein historischer Bericht als eine Kurzgeschichte. Einblicke in die Psyche der Figuren fallen genauso weg wie ausführliche Beschreibungen oder wirkliche Spannung – wer also auf ein weiteres Abenteuer aus Westeros im Stile der Heckenritter-Novellen hofft, wird sicher enttäuscht. Im Klartext bedeutet das: „The Princess and the Queen“ ist vor allem für Leute wie mich, die sich mit ihren fiktiven Welten sehr intensiv beschäftigen, alles an Informationen wie ein Schwamm aufsagen und fiktive historische Texte interessant finden. Dennoch lässt sich trotz allem eine gewisse Intensität nicht leugnen, was wieder einmal sehr für Martins Qualitäten als Autor spricht. Die Tragik der Ereignisse wird trotz der, sagen wir einmal, etwas trockenen und hin und wieder schwülstigen Erzählweise des Erzmaesters klar, und auch wenn die Novelle nicht im herkömmlichen Sinn spannend ist, ist sie doch auch gewiss nicht langweilig.
„The Princess and the Queen“ erinnert aus diesem Grund eher an Tolkiens „Silmarillion“; in der Tat ist die Novelle Teil eines geplanten Zusatzbandes namens „Fire and Blood“, der nach „A Dream of Spring“ erscheinen und die Geschichte des Hauses Targaryen in Form von pseudohistorischen Dokumenten wie dem von Gyldayn erzählen soll. Im Fandom hat „Fire and Blood“ bereits den Spitznamen GRRMarillion erhalten.
Kommen wir nun zum eigentlichen Inhalt: Erzmaester Gyldayn erzählt vom sog. „Tanz der Drachen“, einem Targaryen-Bürgerkrieg, der etwa 200 Jahre vor der Handlung von „A Game of Thrones“ stattfindet. Es geht dabei um das Erbe von König Viserys I., der zu Beginn stirbt. Viserys benennt sein ältestes Kind, Rhaenyra, als Erbin, Viserys‘ zweite Frau Alicent möchte allerdings ihren Sohn Aegon auf dem Eisernen Thron sehen und begründet dies damit, dass er als ältester Sohn das Vorrecht hat. Wie man unschwer erraten kann ist Alicent die Königin des Titels und Rhaenyra die Prinzessin. Der Untertitel („The Blacks and the Greens“) rührt von einem Turnier her, bei dem Alicent grün (weshalb ihre Anhänger als „the Greens“ bezeichnet werden) und Rhaenyra schwarz (selbes Prinzip) trug. Der Konflikt artet rasch zu einem gewaltigen Krieg aus, der das ganze Reich erschüttert. Da Mitglieder des Hauses Targaryen auf beiden Seiten kämpfen, finden sich sowohl bei unter den Unterstützern Alicents als auch Rhaenyras Drachenreiter – von diesem Umstand stammt der Name „Tanz der Drachen“.
Das größte Problem bei dieser Novelle ist, dass man erst einmal den Überblicken bekommen und auch behalten muss, denn es gibt, wie nicht anders zu erwarten, erst einmal viele Personen die, aufgrund der Natur des Textes, für den Leser wenig distinktiv sind. Vor allem unter bei den diversen Targaryens ist das Auseinanderhalten schwierig, da ihre Namen ja bekanntermaßen immer ziemlich ähnlich sind („ae“ und „y“ dominieren). Allerdings hilft das Vorwissen (jemandem, der Martins Romane nicht gelesen hat, ist „The Princess and the Queen“ nun wirklich nicht zu empfehlen), sodass man aufgrund der Hauszugehörigkeit auch diverse Lords und Ladys ganz gut zuordnen kann.
Der Tanz der Drachen ist vor allem dann interessant, wenn man ihn mit dem Krieg der Fünf Könige vergleicht, denn es gibt einige unübersehbare Parallelen, Rhaenyra erinnert ein wenig an Stannis und Alicent an Cersei. Auch in Hinblick auf Daenerys und Myrcella ist „The Princess and the Queen“ sehr ergiebig, da sich die Novelle gezielt mit weiblicher Nachkommenschaft beschäftigt und erklärt, weshalb in den Sieben Königslanden (Dorne ausgenommen), die Erbin erst nach sämtlichen Söhnen bedacht wird. Ebenso lassen sich gewisse Gemeinsamkeiten zu Roberts Rebellion nicht leugnen.
Wie üblich in Westeros gibt es weder eine gute noch eine böse Seite, dafür aber sehr viele Graustufen. Sowohl die Prinzessin als auch die Königin (ebenso wie viele andere) zahlen für ihren Versuch, den Eisernen Thron zu beanspruchen, enorm hohe Preise. Und obwohl die Charakterisierung der beiden Titelfiguren letztendlich eher spärlich ausfällt – Gyldayn kann nun einmal nicht in ihre Köpfe hineinsehen – so sind sie doch ziemlich interessante Charaktere.
Viele der typischen Elemente des „Lieds von Eis und Feuer“ finden sich natürlich trotzdem: Verrat, Tod, Grausamkeit und Drachen. Von Letzteren sehen wir sogar mehr als jemals zuvor da auf beiden Seiten des Krieges Drachenreiter kämpfen – hierdurch tritt das Fantasy-Element ein wenig stärker in den Vordergrund.
Wie oben bereits erwähnt gibt es noch eine zweite, ähnlich gelagerte Novelle, die in dem ebenfalls von Martin und Dozois herausgegebenen Sammelband „Rogues“ erschienen ist, und die ich mir in Kürze zu Gemüte führen werde. „The Rogue Prince“, ebenfalls von Erzmaester Gyldayn verfasst, erzählt wie es zu den Ereignissen von „The Princess and the Queen“ gekommen ist. Weiterhin dürfen wir uns im Herbst auf „The World of Ice and Fire“ freuen, ein Kompendium zu Martins Welt, inklusive historischem Überblick, Figurenüberblick, Stammbäumen und Familiengeschichte sowie Artwork von Ted Nasmith. Wenn jetzt „The Winds of Winter“ noch Anfang 2015 erscheint, bin ich wirklich zufrieden, auch wenn das vermutlich extrem optimistisch ist.
Fazit: Gelungene Ergänzung zum „Lied von Eis und Feuer“ in Form eines pseudohistorischen Dokuments, vor allem geeignet für all diejenigen, die mehr über George R. R. Martins Welt im Allgemeinen und die Geschichte der Targaryen im Besonderen erfahren möchten.