Geschichte der Vampire: The Vampyre

Halloween 2013
the-vampyre
Seit letztem Halloween habe ich mich über Vampire praktisch kaum mehr geäußert – die Rezension zu „Breaking Dawn“ zählt nicht, da die Twilight-Saga nicht wirklich etwas mit Vampiren zu tun hat. Das gedenke ich hiermit zu ändern und gleichzeitig eine neue Artikelreihe zu starten: Geschichte der Vampire. Im Rahmen dieser Artikelreihe werde ich weniger rezensieren als vielmehr erläutern und vorstellen. Die Sujets der Artikel werden, wie könnte es anders sein, wichtige und stilbildende Werke der Vampirliteratur und des Vampirfilms sein. Es handelt sich dabei meiner Meinung nach um Werke, von denen man zumindest gehört haben sollte, wenn man sich selbst als Vampirfan bezeichnet.

Geschichten über blutsaugende Geister und Dämonen sind sehr alt und finden sich in allen Kulturen, der Vampir wie wir ihn heute kennen existiert aber erst seit dem 19. Jahrhundert. Zuvor waren Vampire in den osteuropäischen Volkssagen eher zombiehaft – tumbe, blutsaugende Leichen, denen man ihren Zustand auch ansah. Viele Sagen berichten von Toten, die aus dem Grab zurückkehren, um das Blut ihrer Verwandten zu trinken.

Den Sprung von der Sage in die Literatur vollbrachte der Vampir bereits im 18. Jahrhunderts, vorerst allerdings nur in Gedichten, etwa „Der Vampir“ von Heinrich August Ossenfelder (verfasst 1748), „Leonore“ von Gottfried August Bürger (1774) oder Johann Wolfgang von Goethes „Die Braut von Korinth“ (1797). Die Darstellung des Vampirs in diesen und ähnlich gelagerten Gedichten orientiert sich allerdings zumeist an den Volkssagen oder bleibt allgemein eher vage. Der „klassische“, sprich: aristokratische Vampire erlebte sein Debüt 1819, als die von John William Polidori verfasste Kurzgeschichte „The Vampyre“ erschien (verfasst wurde sie bereits 1816). Mit Lord Ruthven, dem Titelhelden, erschuf Polidori, der der Figur Züge seines Freundes Lord Byron verpasste, den ersten verführerischen Gentleman-Vampir, der sich in adeligen Kreisen bewegt. Die Geschichte handelt von dem jungen Percy Aubrey, der bei seiner Einführung in die Gesellschaft besagtem Lord Ruthven, einem charismatischen, aber auch bedrohlichen Mann begegnet. Aubrey ist von Ruthven sofort beeindruckt und begibt sich mit ihm auf eine Europareise. Während dieser Reise wird er allerdings von Ruthvens hedonistischem Lebensstil immer stärker abgestoßen, sodass die beiden sich schließlich trennen. In Griechenland verliebt sich Aubrey schließlich in ein junges Mädchen, das unter mysteriösen Umständen stirbt. Dadurch erfährt er von der Legende des blutsaugenden Vampirs. Schließlich taucht Ruthven wieder auf und hilft Aubrey über seine Trauerphase hinweg. Doch auch Ruthven ereilt bald darauf der Tod, denn scheinbar werden er und Aubrey von Räubern angegriffen, die zwar vertrieben werden können; Ruthven ist jedoch schwer verletzt. Aubrey muss ihm das Versprechen abnehmen, ein Jahr und einen Tag lang über ihn zu schweigen.

Bei seiner Rückkehr erfährt er, dass seine Geliebte Schwester inzwischen mit dem Earl von Marsden verlobt ist, bei dem es sich um niemand anderen als Lord Ruthven handelt, wie Aubrey entsetzt feststellen muss. Erst jetzt wird ihm das volle Ausmaß von Ruthvens vampirischer Natur klar. Dennoch ist er nach wie vor an seinen Schwur gebunden. Als das Jahr und der Tag schließlich verstrichen sind, ist es zu spät: Aubreys Schwester und Ruthven sind spurlos verschwunden.

Ruthven ist quasi der Prototyp-Vampir; viele der späteren Eigenschaften sind schon vorhanden, auch wenn Ruthven noch verhältnismäßig frei von Einschränkungen ist – die Sonne als Mittel zur Vernichtung der Vampire beispielsweise wurde erst mit Murnaus unautorisierter Dracula-Verfilmung „Nosferatu“ eingeführt. Dennoch, der Vampir agiert hier erstmals als erotische Figur, als attraktiver und ambivalenter Jäger.
Zwar beeinflusste er auch Dracula, doch Ruthvens eigentlicher geistiger Nachfolger ist Anne Rice‘ Lestat de Lioncourt, zumindest so, wie er in „Interview mit einem Vampir“ dargestellt wird. Im Gegensatz zu Dracula, der praktisch von Anfang an eine antagonistische Figur ist, besitzt Ruthven durchaus sympathische Züge und nimmt für Percy Aubrey eine ähnliche Mentorenrolle ein wie Lestat für Louis.

Obwohl Polidoris Geschichte heute nur noch recht wenigen bekannt ist (in erster Linie natürlich denen, die sich mit den literarischen Hintergründen der Vampire beschäftigen), war sie nach dem Erscheinen äußerst erfolgreich und löste quasi die erste Vampirbegeisterung der Geschichte aus. Der Roman wurde vielfach adaptiert, u.a. als Theaterstück oder Oper und sogar Johann Wolfgang von Goethe fand lobende Worte, auch wenn er, wie viele andere, annahm, dass Byron und nicht Polidori die Geschichte verfasst hatte.

Nach heutigen Maßstäben mag Polidoris Erzählung freilich schon recht altbacken und darüber hinaus ziemlich ausschweifend und schwülstig wirken, ihre Bedeutung kann allerdings nicht oft genug betont werden, denn man kann wohl davon ausgehen, dass es ohne sie die Vampirliteratur, so wie sie heute existiert, nicht geben würde. Wer sich mit Vampirliteratur beschäftigt, kommt an „Der Vampyr“ schlicht nicht vorbei.

Obwohl Lord Ruthven, im Gegensatz zu seinem Nachfolger Dracula, der breiten Masse kaum mehr bekannt ist, taucht er dennoch immer mal wieder in der Popkultur auf, etwa in den Comics der Verlage DC und Marvel. In Kim Newmans Anno-Dracula-Serie hat er sogar eine recht prominente Rolle inne und fungiert im ersten Band, in welchem Dracula Queen Victoria geheiratet hat und nun als Prinzgemahl mit eiserner Faust über Großbritannien regiert, als Premierminister. Auch die Autoren des Rollenspiels „Vampire: The Masquerade“ haben den ersten adeligen Vampir nicht vergessen, denn in mehreren Quellenbänden taucht der Tzimisce-Methusalem Lambach Ruthven auf. Die Figur hat zwar mit dem ursprünglichen Ruthven aus Polidoris Geschichte relativ wenig zu tun, allerdings ist er der Erzeuger Draculas – ein netter Insidergag, denn ohne Ruthven wäre Stokers Roman vermutlich nie entstanden.

Der englische Text ist im Internet problemlos als PDF zu finden, eine deutsche Version gibt es meines Wissens nach allerdings nicht. Wenn dennoch in den Genuss einer deutschen Version der Geschichte kommen möchte, dem sei die Hörspieladaption der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien ans Herz gelegt. Diese Reihe hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Klassiker der Schauerliteratur als hochwertige Hörspiele zu adaptieren. Dabei wurden die meisten Vorlagen, wie auch „Der Vampyr“, ein wenig entschlackt und für das moderne Publikum zugänglicher gemacht, ohne sie zu verfälschen.

Halloween 2013:
Prämisse
Hellraiser: Hellworld
American Horror Story: Asylum

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