Der Hobbit: Eine erwartete Rezension – Teil 2

THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY

„I’ve got parasites the size of my arm!“ – Die drei Trolle
Die Szene, in der die drei Trolle Bert, William und Tom Bilbo und die Zwerge fangen und überlegen, wie man sie am besten zubereitet, gehört zu den ikonischsten des Romans – aber auch zu denen, die einen starken Kinderbuchcharakter haben und unter Betrachtung des „Herrn der Ringe“ und des „Silmarillion“ ein wenig fehl am Platz wirken. Die Trolle im HdR und auch in Jacksons Verfilmung waren Kampfmaschinen, die kein Wort von sich geben und lediglich als besonders zähe Gegner fungiert haben – man denke nur an den Höhlentroll in „Die Gefährten“. Bert, William und Tom dagegen sind klassische, dumme, für ein Kinderbuch recht typische Antagonisten, die überlistet werden sollen.
Ich könnte mir vorstellen, dass diese Szene Peter Jackson und seinen Co-Autoren durchaus Kopfzerbrechen bereitet haben dürfte, da sie einerseits von dem bisher etablierten Bild der Trolle stark abweicht, es andererseits aber enorme Proteste gegeben hätte, wäre sie nicht oder stark verfremdet enthalten.
Letztendlich entschied man sich, sie mit nur geringen Abweichungen zu integrieren. Die sprechende Geldbörse, die Bilbo im Roman von einem der Trolle stehlen will, wurde entfernt, stattdessen wird er durch Zufall geschnappt, als er versucht, die Ponys der Zwerge zu befreien (und ist damit schon der zweite Held, der sich mit Trollpopel herumärgern muss). Insgesamt lässt sich beobachten, dass die Trolle eigentlich noch dümmer sind als im Roman – womit quasi ein Kompromiss zwischen den nicht sprachfähigen Trollen der HdR-Trilogie und den Trollen, wie sie in Tolkiens „Hobbit“ auftauchen, geschlossen wird. Im Film werden die drei von Zwergendarstellern per Motion Capture gespielt, Bert von Mark Hadlow (Dori), William von Peter Hambleton (Glóin) und Tom von William Kircher (Bifur). Das Design wirkt ein wenig menschlicher als bei den HdR-Trollen. Zugegebenermaßen erreicht die Qualität der Troll-Animationen nicht die Gollums.
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Die drei Trolle Willam (Peter Hambleton), Tom (William Kircher) und Bert (Mark Hadlow)

Eine weitere Änderung findet sich in der Art, wie die Zwerge gefangen genommen werden: Im Roman werden sie einfach eingesammelt, während sie im Film vorinformiert sind und die Trolle unter Begleitung und einer markanten und sehr heroischen Blechbläservariation des Misty-Mountain-Themas angreifen – jedenfalls bis die Trolle drohen, Bilbo auseinander zu reißen. Auch ist es im Film nicht Gandalf, der die Trolle mit verstellter Stimme beschäftigt, sondern Bilbo. Gandalf taucht erst auf, als die Sonne auch wirklich aufgeht, und spaltet in bester Moria-Manier einen Felsen.
Besonders auffällig an dieser Szene ist, dass Bilbo im Film weitaus besser dasteht als im Buch. Anstatt Unnützes zu tun wie eine Trollbörse zu stehlen, versucht er, die Ponys zu befreien, was durchaus logisch ist und auch funktioniert hätte, hätte einer der Trolle sich nicht die Nase putzen müssen. Ebenso verrät Bilbo die Anwesenheit der Zwerge im Film nicht (im Buch fällt ihm immerhin noch ein, dass man so etwas ja eigentlich nicht tut). Und natürlich ist er es, der die Trolle zu einer Diskussion veranlasst, während die Zwerge vor allem komödiantische Zwecke erfüllen – der Zwergenspieß ist wirklich unheimlich albern. Dass diese Szene so funktioniert ist vor allem Martin Freeman zu verdanken, der das Ganze dominiert und Bilbos Handlungen großartig und nachvollziehbar darstellt.
Der auf die Trollszene folgende Schwertfund ist sehr buchgetreu dargestellt, auch wenn der Fokus noch einmal auf Thorins Abneigung gegen die Elben (und auch das, was sie geschaffen haben) gelegt wird. Das Aussehen von Glamdring und Stich ist ja bereits aus den HdR-Filmen bekannt. Orcrists Design ist recht interessant: Das Elbenschwert ist kürzer, einschneidig und alles in allem ein wenig kompakter, um so besser zu Thorin zu passen. Von Glamdring unterscheidet es sich ziemlich stark, die Klinge erinnert jedoch an Stich (obwohl Letzteres zweischneidig ist). Dies legt die Vermutung nahe, dass Stich ursprünglich als Zweitwaffe von demjenigen, der Orcrist führte, benutzt wurde – jedenfalls scheint dies die Intention der Filmemacher gewesen zu sein.
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Thorin mit Orcrist

Und wo wir gerade bei Elbenschwertern sind: In den Filmen (sowohl HdR als auch „Hobbit“) scheint ausschließlich Stich blau zu glühen, während in den Romanen sämtliche Schwerter aus Gondolin blau leuchten, wenn Orks in der Nähe sind. Allerdings fällt auf, dass sowohl Glamdring als auch Orcrist zumindest ein wenig zu glühen scheinen – besonders gut sichtbar in „Die Rückkehr des Königs“ (Special Extended Edition) in der Szene, in der Pippin und Gandalf über das Leben nach dem Tod sprechen.

„A dark power has found a way back into the world.“ – Radagast der Braune und Dol Guldur
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Gandalf (Ian McKellen) und Radagast (Sylvester McKoy)

Nach Azog ist Radagast der Braune (gespielt von Sylvester McCoy) die zweite Figur, die die Gemüter enorm erhitzte. Ein Kritiker sprach gar von einem Jar-Jar-Binks-Äquivalent. So schlimm ist es gottseidank nicht, zugegebenermaßen wäre in Bezug auf Radagast aber weniger mehr gewesen. Die Figur an sich, ebenso wie ihre Darstellung, stört mich nicht, allerdings wird Radagast wohl auch nicht zu meiner Lieblingsfigur werden. Sein Debüt feiert er bereits vor der Trollszene: Gandalf erzählt Bilbo von den anderen vier Zauberern. Der Grund, weshalb er sich nicht an die Namen der beiden blauen Zauberer erinnert (sie heißen Alatar und Pallando), findet sich in den verfügbaren Lizenzen: Für die Hobbit-Filme stehen der „Herr der Ringe“ und der „Hobbit“ zur Verfügung, nicht aber die Tolkien-Schriftensammlung „Nachrichten aus Mittelerde“, in der die beiden blauen Zauberer namentlich genannt werden.
Kurz nach besagtem Dialog entfernt sich die Filmhandlung erst einmal von den Zwergen und Bilbo und wendet sich stattdessen Radagast und den Vorkommnissen im Grünwald bzw. Düsterwald zu. Der braune Zauberer stellt fest, dass eine dunkle Macht sich in der alten Festung Dol Guldur (deren Design phänomenal ist) eingenistet hat und von dort aus den Wald regelrecht vergiftet. Nebenbei bemerkt: Bei Tolkien ist diese dunkle Macht, Sauron in Gestalt des „Nekromanten“ (im Film nur einmal als schattenhafter Umriss zu sehen) schon ein wenig länger aktiv. Ich persönlich habe allerdings die Theorie, dass die erste Radagast-Szene bereits vor dem Beginn der eigentlichen Hobbit-Handlung stattfindet und nicht parallel zur ersten Reiseetappe der Gemeinschaft. Das würde auch erklären, wie Radagast so unwahrscheinlich schnell vom Düsterwald nach Eriador gekommen ist – Rhosgobel-Kaninchen hin oder her. Genau diese sind übrigens, ebenso wie die Geschichte mit der Heilung des Igels Sebastian und Radagasts Reaktion auf Pfeifenkraut, die besagten Fälle, bei denen weniger mehr gewesen wäre. Von diesen „Ausrutschern“ einmal abgesehen hat Radagast durchaus auch klarere, sprich: ernsthafterer Momente (speziell der kurze Kampf mit dem Hexenkönig) und trägt auch wirklich etwas zur Geschichte bei. Wenn man einmal außen vorlässt, dass die Szenen im Düsterwald nach Tolkien sehr viel früher hätten spielen müssen – in den Büchern war sich der Weiße Rat zu diesem Zeitpunkt bereits darüber im Klaren, wer sich da im Düsterwald niedergelassen hat, stattdessen diskutierte man darüber, ob man ihn austreiben sollte oder nicht – hätte es in der Tat Radagast sein können, der Saurons Rückkehr bemerkt und dem Weißen Rat davon berichtet.
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Die finstere Festung Dol Guldur

Schließlich wäre da noch die Konfrontation mit den Wargreitern. Generell habe ich gegen die Konzeption dieser Szene nichts einzusetzen – es ist verständlich, dass hier die Spannung noch etwas aufgebaut wird – die Umsetzung schmeckt mir allerdings auch nicht wirklich. Die Warge selbst gefallen mir eigentlich recht gut und ich sehe auch kein Problem mit der Art und Weise, wie Warge in der HdR-Trilogie in Erscheinung treten; während sie im „Hobbit“ einfach sehr große und bösartige Wölfe sind (so hatte ich sie mir auch ursprünglich beim Lesen vorgestellt), hatten sie in der HdR-Trilogie mehr mit Hyänen gemein. Die Lösung für diese Inkonsistenz: Bei den HdR-Wargen handelt es sich um eine südliche Rasse, während die Hobbit-Warge aus Gundabad, einer Orkfestung im Norden des Nebelgebirges stammen.
Was dagegen stört ist die Landschaft, die einfach nicht so wirklich in die Gegend um Bruchtal passen will und mehr nach Rohan aussieht. Und schließlich ist die Jagd mit dem Kaninchenschlitten doch ein wenig zu viel Slapstick.

„You are not the only guardian to stand watch over Middle-earth.“ – Bruchtal und der Weiße Rat
Bruchtal entschädigt glücklicherweise für die erste Konfrontation mit den Wargreitern. Gerade hier finden sich natürlich verdammt viele Verweise auf die HdR-Trilogie. Die meisten davon sind sehr gut gelungen. Beispielsweise ist es sehr schön, noch einmal vollgerüstete Elbenkrieger und Elrond (Hugo Weaving) in voller Montur zu sehen. Einige haben es auch nicht in die Kinoversion geschafft, etwa die Szene (im ersten Trailer zu sehen), in der Bilbo die Bruchstücke von Narsil entdeckt.
Nach der Ankunft der Zwerge ist alles ziemlich buchgetreu inszeniert, allerdings sind Elben weniger verspielt als im Roman und Thorins Abneigung gegen sie wird noch einmal besonders betont. Recht auffällig in diesem Abschnitt ist, dass Bilbo in den Hintergrund tritt, zwar ist er überall dabei, bekommt aber kaum Gelegenheit, etwas beizutragen.
Von größtem Interesse ist natürlich die Zusammenkunft des Weißen Rates. Auch diese finde ich prinzipiell sehr gelungen, auch wenn sie ein paar kleine, wenn auch nahvollziehbare, Schönheitsfehler hat. Dem Kenner fällt natürlich sofort auf, dass der Rat mit lediglich vier Mitgliedern zu klein ist. Die Intention ist klar, die Macher wollten die unbedarften Zuschauer nicht mit zusätzlichen, unbekannten Figuren verwirren, aber zumindest Radagast hätte ebenfalls dazugehört – er war ja sowieso gerade in der Gegend. Und ich hätte auch gerne Círdan, Glorfindel, Erestor oder andere wichtige Elben gesehen. Davon abgesehen gibt es noch in der Diskussion etwas, das ein wenig merkwürdig anmutet. Ob der Dolch des Hexenkönigs von Angmar wirklich vonnöten gewesen wäre, ist sicherlich diskutabel, aber ich fand vor allem das Gespräch über das Grab des Hexenkönigs ein wenig seltsam, da sie den Anschein erweckt, der Fürst der Nazgûl habe zu Lebzeiten über Angmar geherrscht, sei begraben worden und dann als Ringgeist zurückgekehrt. Das widerspricht zumindest Tolkien direkt, und auch der Prolog von „Die Gefährten“ suggeriert, dass die neuen Ringgeister bereits seit dem Zweiten Zeitalter aktiv sind. Die beiden kommenden Filme werden zeigen, was sich aus diesen Andeutungen entwickelt.
Davon abgesehen finde ich die Szene allerdings grandios, vor allem wegen Cate Blanchett und Christopher Lee. Erstere ist (wie Gandalf korrekt feststellt) wirklich nicht gealtert, und spielt sogar fast noch besser als in der HdR-Trilogie. Und Christopher Lee verdient den höchsten Respekt; mit 90 noch in Filmen mitzuspielen ist eine beeindruckende Leistung. Hier wurde er sogar erfolgreich verjüngt, sein Gesicht ist ein wenig faltenfreier und sein Bart ein wenig dunkler als in der HdR-Trilogie.
THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY
Der Weiße Rat von links nach rechts: Gandalf (Ian McKellen), Galadriel (Cate Blanchett), Saruman (Christopher Lee) und Elrond (Hugo Weaving)

Auch das Verhältnis der Figuren, wie es in dieser Szene dargestellt wird, gefällt mir ausnehmend gut und erinnert sehr an die „Nachrichten aus Mittelerde“ (natürlich ohne, dass besagtes Buch wirklich miteinbezogen würde): Saruman, der auf Gandalf herabblickt, gleichzeitig eifersüchtig ist und prinzipiell gegen ihn spricht (was auch die Frage aufwirft, in wie weit Saruman hier bereits eigene Ambitionen verfolgt) und Gandalf, der sich als geringer sieht als er ist, aber trotzdem gegen das Haupt des Ordens arbeitet und sowieso tut, was er will. Allgemein ist der Gandalf dieses ersten Hobbit-Films ein wenig unsicherer und weniger energisch als der Gandalf der HdR-Trilogie.
Unbedingt erwähnenswert ist im Zusammenhang mit dieser Szene noch Howard Shores Musik, denn was er hierfür komponiert hat, ist wunderbar vielschichtig und gehört zu den besten Verarbeitungen von HdR-Themen im Hobbit-Score. Gekonnt verwendet er Andeutungen des Isengart- und Sauron-Themas, um Zukünftiges anzudeuten, verwoben mit neuen Variationen der Themen für Bruchtal und Lórien.
Der Aufbruch der Gemeinschaft (ohne Gandalf wohlgemerkt, der im Buch dabei ist) schließlich spiegelt, wie nicht anders zu erwarten, den Aufbruch der Gefährten wieder. Statt einer epischen Variation des Gefährtenthemas gibt es eine nicht minder epische des Misty-Mountain-Themas, dazu umwerfende Landschaftsaufnahmen von Neuseeland.
Letztendlich ist das größte Manko des Bruchtal-Abschnitts ist wohl, dass er ein wenig zu kurz geraten ist – hier wird allerdings mit ziemlicher Sicherheit die Extended Edition Abhilfe schaffen.

Siehe auch:
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension – Teil 1
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension – Teil 3
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise – Soundtrack

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