Er ist wieder da


Auf diesen Roman aufmerksam wurde ich aufgrund des äußerst cleveren Coverdesigns: Auf weißem Hintergrund sieht man den charakteristischen Seitenscheitel Adolf Hitlers, während der in der passenden Höhe sitzende der Titel „Er ist wieder da“ den nicht minder charakteristischen Bart bildet. Es handelt sich also um eine Zufallsentdeckung. Und um was geht es?
Adolf Hitler ist wieder da. Der Führer erwacht in Berlin, seine letzten Erinnerungen stammen vom 30. April 1945. Doch alles ist merkwürdig, es ist viel zu warm für diese Jahreszeit und Krieg herrscht anscheinend auch keiner mehr, nicht einmal Zerstörung oder Trümmer sieht man. Stattdessen hat sich Berlin stark verändert. Schon bald muss Hitler feststellen, dass er sich im Jahr 2011 befindet – wie er dorthin gekommen ist ist ihm schleierhaft und wird auch nicht aufgeklärt – und muss nun lernen, mit den Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts zurechtzukommen. Denn 66 Jahre Frieden und Demokratie haben den deutschen Staat in einen Zustand versetzt, den Hitler nicht gutheißen kann. Der Führer muss also von vorn beginnen – vorerst findet er Unterschlupf in einem Kiosk und sieht sich auch sonst allerhand Problemen gegenüber. Zwar scheint man ihn noch zu kennen, er muss es allerdings über sich ergehen lassen, mitunter als „der andere Stromberg von Switch“ identifiziert zu werden. Doch abermals kommt Hitlers große Stunde und er wird entdeckt – dieses Mal allerdings nicht von einer kleinen Splitterpartei oder dem Münchner Publikum, sondern vom Fernsehen. Und so beginnt Adolf Hitlers zweiter, Kometenhafter Aufstieg: Als unglaublich originalgetreuer Hitler-Imitator mit starker Tendenz zum Method Acting in einer Fernsehsendung.
Ja, ein Zufallskauf, aber was für einer, denn Timur Vermes‘ Romandebüt ist ohne Frage ein Geniestreich. Die gesamte Prämisse ist natürlich äußerst absurd und erinnert an Walter Moers‘ Adolf-Comics (von denen einer den Titel „Äch bin wieder da“ trägt) – das Versetzen Hitlers in eine andere Epoche macht natürlich einen Großteil des Humors aus. „Er ist wieder da“ ist allerdings sehr viel weniger Brachialsatire als die Moers-Comics, weit geerdeter und, ja, realistischer. Unheimlich komisch ist der Roman von der ersten Seite an, aber die wohl durchdachte Satire entfaltete sich erst langsam auf dem Weg zu Hitlers neuem Ruhm. Vermes gelingt es vorzüglich auf einem extrem schmalen Grad zu wandern. Vieles, etwa Hitlers Entdeckung des modernen Fernsehprogramms, sein Besuch bei der türkischen Reinigung und viele weitere, kleine Episoden, sind äußerst absurd, aber dennoch verkommt der Diktator nie zur völligen Witzfigur. Vermes schafft es, ihn einerseits menschlich, sogar sympathisch darzustellen, ohne aber die Komik zu vernachlässigen oder ihn und seine Taten zu verharmlosen – in der Tat bleibt einem manchmal das Lachen fast im Hals stecken. Es muss wohl kaum hinzugefügt werden, dass der Humor mitunter ziemlich schwarz ist.
Gekonnt wird auch die moderne Medienlandschaft auf die Schippe genommen, insbesondere die Bild-Zeitung und die Fernsehanstalten. Ebenso gibt es politische Seitenhiebe, etwa wenn Hitler in seiner Sendung Renate Künast begrüßt oder – besonders gelungen – sich über den Zustand der NPD aufregt.
Auch stilistisch weiß Vermes zu überzeugen. Der Roman ist in der Ich-Form geschrieben, schildert also alles aus der Perspektive Hitlers, gottseidank ahmt der Autor jedoch nicht den schwülstigen, schier unlesbaren Stil von „Mein Kampf“ nach. Dennoch verwendet er viele Wendungen und Ausdrücke aus Hitlers Reden, die ihren Zweck diesbezüglich wunderbar erfüllen. Die lustigsten und zugleich hintersinnigsten Teile des Romans sind jene, in denen der Führer über die Gewohnheiten des Jahres 2011 nachdenkt oder tatsächlich eine Rede darüber hält – Absurdität vermischt sich hier mit genauer, analysierender Beobachtungsgabe. Hinzu kommt, dass „Er ist wieder da“ auch extrem angenehm zu lesen ist und, bis hin zum Schlusstwist, eine ganz eigentümlich Art der Spannung entwickelt.
Fazit: Grandiose Satire mit Adolf Hitler in der Hauptrolle. Nie war der Führer authentischer oder lustiger. Dieser Roman sorgt hoffentlich dafür, dass die Frage „Darf man über Hitler lachen?“ endlich ad acta gelegt wird.

Trailer

Siehe auch:
Inglourious Basterds

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2 Gedanken zu “Er ist wieder da

  1. Stefan Kraft

    „… oder – besonders gelungen – sich über den Zustand der NPD aufregt.“
    Da muss ich an die Satiresendung Extra3 vom NDR denken, in der Hitler (mittels neu vertonter historischer Aufnahmen) genau das tut – im Stil von „Glauben diese Jammerlappen wirklich, meine Nachfolger zu sein?“

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