The Amazing Spider-Man


Story: Peter Parkers (Andrew Garfield) Eltern verschwanden, als er noch ein kleiner Junge war, weshalb er in der Obhut seiner Tante May (Sally Field) und seines Onkels Ben (Martin Sheen) aufwächst. In der Schule gehört er zu den Schüchternen und schafft es kaum, seinen Schwarm Gwen Stacey (Emma Stone) anzusprechen. Doch dann entdeckt er, dass der Wissenschaftler Curt Conners (Rhys Ifans) früher mit seinem Vater zusammenarbeitete und sucht ihn bei der Firma Oscorp, bei der er arbeitet, auf. Und dort kommt es, wie es kommen muss: Peter wird von einer genetisch mutierten Spinne gebissen und kann fortan an Wänden hochkrabbeln und ist äußerst stark und agil, während sich Dr. Conners ein wenig zu intensiv mit Echsen beschäftigt…

Kritik: Und ein weiteres Franchise, das einen Reboot erfahren musste. Das bedeutet erst einmal Rekapitulation. Spider-Man-Comics lese ich schon seit zartem Kindesalter (und besitze auch ziemlich viele davon), allerdings hat mich der Netzschwinger nie so sehr fasziniert wie beispielsweise Batman. Auch von Sam Raimis Adaptionen war ich nie so sehr begeistert. Vor allem Teil 1 und 2 sind durchaus gute und unterhaltsame Filme, allerdings verfügen auch diese beiden schon für meinen Geschmack über zu viel Schmalz und Albernheiten, was dann beim dritten schließlich enorme Ausmaße annimmt. Ein weiteres Problem sind die Schurken: Meine Lieblingsschurken aus den Comics (der Grüne Kobold und Venom) wurden eher mangelhaft umgesetzt, während die Schurken, die wirklich passend adaptiert sind (Doc Ock, Sandman) mich eher kalt lassen.
Den Reboot schließlich fanden die meisten ursprünglich schlicht unnötig. Zwar wird „Spider-Man 3“ im Allgemeinen eher negativ bewertet, hatte aber keine so Franchise-zerstörende Wirkung wie etwa „Batman und Robin“ und war obendrein auch noch der erfolgreichste Film der Trilogie. Allerdings verkrachte sich Sony mit Sam Raimi, sodass dieser ausstieg, während Tobey Maguire wiederum seine Mitarbeit an einem vierten Teil an Sam Raimis Regie festmachte. Ein weiterer Spider-Man-Film musste allerdings kommen, da die Rechte sonst irgendwann an Marvel zurückfallen würden, und auf ein Goldgruben-Franchise wie dieses kann man natürlich nicht verzichten. Also war die Lösung einfach: Reboot.
Vor allem Fans der alten Spidey-Trilogie wehrten sich vehement und ganz allgemein wurde „The Amazing Spider-Man“, für den man Marc Webb („500 Days of Summer“) als Regisseur und Andrew Garfield („The Social Network“) als Titelheld verpflichtete, als unnötig erachtet. In Anbetracht dieser Tatsache wurde „The Amazing Spider-Man“, von Kritikern und Fans schließlich erstaunlich gut aufgenommen – durchaus zu Recht.
Ganz allgemein erinnert die Neuauflage des Netzschwingers ein wenig an „Batman Begins“. Zwar ist „The Amazing Spider-Man“ bei weitem nicht so düster wie Chris Nolans Dark-Knight-Saga, aber doch bei Weitem düsterer und grimmiger als Sam Raimis Ansatz. Viele der Albernheiten wurden zurückgefahren, stattdessen stehen die Charaktere mehr im Vordergrund. Wie bei „Batman Begins“ konzentriert sich die erste Hälfte des Films stark auf den Helden und seine inneren Konflikte und anders als bei Raimi spielen Peter Parkers Eltern eine Rolle, ihr Verschwinden wird von einem Geheimnis umgeben, das zumindest in diesem Film noch nicht einmal ansatzweise gelöst wird.
Werfen wir einmal einen genaueren Blick auf die Figuren, beginnend mit dem Titelhelden. Peter Parker wirkt hier gequälter und dafür weniger nerdig und allgemein realistischer als bei Sam Raimi. Ich denke fast, Marc Webbs bzw. Andrew Garfields Interpretation der Figur gefällt mir besser als die der alten Filme; Garfields Darstellung sorgt dafür, dass Peter Parker hier ein weitaus interessanterer und glaubwürdiger Charakter ist. Definitiv besser ist dieses Mal die Freundin: Mal ehrlich, Mary Jane (Kirsten Dunst) ist fürchterlich nervig. Emma Stones Gwen Stacey dagegen ist viel weniger reines Beiwerk als MJ, die vor allem als Objekt der Begierde bzw. als Objekt, das gerettet werden muss (und dabei viel schreit) fungierte. Ihr Charakter ist weitaus stärker, interessanter und tatkräftiger als MJ – Gwen arbeitet mit, ohne sie wäre der Sieg über Conners nicht gelungen. Auch Onkel Ben und Tante May wirken markanter als die Pendants aus den alten Filmen – kein Wunder bei Mimen wie Martin Sheen und Sally Field. Letztere kam vielleicht noch etwas zu kurz und bekam nicht die rechte Zeit, sich zu entfalten, aber da ein Sequel ziemlich sicher ist, wird dafür bestimmt noch gesorgt (immerhin wird bereits eifrig der Schurke des nächsten Teils aufgebaut – es wird koboldig). Grundsätzlich sind alle Figuren ein wenig jünger als in der alten Trilogie, Peter Parker bleibt den ganzen Film über auf der High-School – in Anbetracht der Tatsache, dass Andrew Garfield ein Jahr älter ist als Tobey Maguire in „Spider-Man“ und trotzdem weitaus glaubwürdiger den Teenager spielt, eine enorme Leistung. Man merkt den starken Einfluss der Serie „Der Ultimative Spider-Man“ (im Rahmen des „Ultimativen Universums“, zu dem besagte Serie gehört, wurde die Geschichte des Marvel-Universums für jüngere Leser neu interpretiert). So fällt der berühmte Satz „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“ wie in „Der Ultimative Spider-Man“ nicht direkt, sondern wird lediglich umschrieben.
Der einzige, der wirklich fehlt, ist J. Jonah Jameson, der cholerische Redakteur des Daily Bugle, allerdings ist die Entscheidung, ihn (noch?) nicht zu integrieren, vielleicht gar nicht so schlecht, denn seien wir einmal ehrlich, J. K. Simmons IST einfach J. Jonah Jameson – wenn die Raimi-Filme eine Figur wirklich perfekt umgesetzt haben, dann ist er es.
„The Amazing Spider-Man“ ist allerdings nicht ohne Schwächen. Die größte ist leider der Schurke, was allerdings nicht an Rhys Ifans liegt. Curt Conners wird als sympathische und interessante Figur aufgebaut, doch sobald er zur Echse (The Lizard) mutiert, scheinen sich Autoren und Regisseur nicht wirklich sicher zu sein, was sie mit ihm machen wollen. Ist er durch die Verwandlung einfach verrückt geworden oder hat er eine zweite Persönlichkeit entwickelt (eine Szene deutet darauf hin, aber eindeutig wird es nicht)? Darüber hinaus ist auch die Motivation eher undurchsichtig.
Ein weiterer Mangel ist das Fehlen einiger typischer Spidey-Szenen wie etwa das epische Schwingen durch New York (wird nur sehr kurz gezeigt); ganz allgemein kommt die Superheldenidentität vielleicht etwas zu kurz, da der Fokus sehr stark auf Peter und seinen Konflikten liegt. Aber auch hier: Da ein Sequel bereits in Aussicht ist, ist das zu verschmerzen.
Und dann ist da noch das Ende, das vielleicht ein wenig zu sehr an „Spider-Man“ erinnern würde, wäre da nicht die Tatsache, dass Peter und Gwen anscheinend sehr genau wissen, in welchem Film sie sich befinden, wodurch das Ganze angenehm ironisch gebrochen wird und darauf hindeutet, dass die Beziehung eben nicht so verläuft wie die von Peter und MJ in den Raimi-Filmen.
Zum Abschluss noch ein kurzes Wort zum Soundtrack: James Horner liefert einen guten und durchaus brauchbaren Score ab, der Gott sei Dank nicht allzu sehr nach „Troja“ oder „Avatar“ klingt, allerdings ist Danny Elfmans Spider-Man-Thema in meinen Augen nach wie vor das bessere.
Fazit: Gelungener Reboot des Franchise, durch den Spider-Man ein wenig ernster und grimmiger wird. Man darf auf die weitere Entwicklung des Titelhelden und eine hoffentlich gelungene Umsetzung des Grünen Kobold gespannt sein.

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