Camelot


Der amerikanische Privatsender Starz nimmt sich immer stärker des durch „Die Sopranos“ etablierten HBO-Serienmodells an. Die Starz-Serie „Spartacus“ wurde eindeutig durch den Erfolg von HBOs „Rom“ beeinflusst, und man wäre fast geneigt, „Camelot“ als Antwort auf „Game of Thrones“ zu sehen, allerdings startete die Adaption der Artus-Sage vor George R. R. Martins Fantasy-Epos.
Der Stoff ist nun freilich kein unbeschriebenes Blatt und wurde schon auf verschiedenste Art und Weise umgesetzt. Der Fernsehfilm „Merlin“ mit Sam Neill, der die Geschichte aus der Perspektive des Zauberers erzählt und von mir bereits rezensiert wurde, ist nur eine der vielen Adaptionen. Letztendlich ist die Frage bei derartigen Filmen und Serien weniger, was geschieht (denn mit gewissen Variationen ist der Handlungsablauf natürlich meistens gleich), sondern wie es passiert und wie es interpretiert wird.

Umsetzung und Konzipierung
Obwohl bei „Camelot“ die Artus-Sage nicht so gründlich entmystifiziert wurde wie bei der Jerry-Bruckheimer-Produktion „King Arthur“ sucht man doch die glänzenden Ritterrüstungen oder den stereotypischen Zauberer mit dem Rauschebart vergebens. Magie existiert zwar, aber ein Fantasyansatz á la „Excalibur“ wurde eindeutig vermieden. Wir befinden uns in der Zeit der Völkerwanderung, das römische Reich ist gefallen und nach dem Tod König Uthers (Sebastian Koch) bröckelt Britannien. Uthers Tochter Morgan (Eva Green) schließt ein Bündnis mit Lot (James Purefoy), einem der britischen Kriegsherren. Merlin (Joseph Fiennes) dagegen, einst Uthers Ratgeber, hat andere Pläne. Er war es, der Uther dabei half, Igraine (Claire Forlani) zu erobern, im Austausch verlangte er dafür allerdings ihr Kind. Dieses Kind, Morgans Halbbruder Arthur (Jamie Campbell Bower) wächst weit entfernt von Krieg und Politik auf, bis Merlin ihn aufsucht, um ihm mitzuteilen, wer er ist. Zusammen mit seinem Bruder Kay (Peter Mooney) macht sich Arthur nun also daran, seine Tafelrunde aufzubauen, seine Feinde zu bekämpfen und der legendäre König Britanniens zu werden.
Das Ganze ist, nun ja, im HBO-Stil umgesetzt. Glücklicherweise übertreibt es Starz es bei „Camelot“ nicht derartig wie bei „Spartacus“. Blut und Sex sind zwar vorhanden (die FSK-16-Freigabe ist durchaus gerechtfertigt), aber der Exploitationgehalt verkommt nie so sehr zum Selbstzweck wie bei der erwähnten Historienserie um den Gladiatorenaufstand. Auch die Kulissen wirken bei „Camelot“ weitaus angenehmer und natürlicher und nicht so offensichtlich animiert wie bei „Spartacus“.
Da die Serie leider bereits nach der ersten Staffel abgesetzt wurde (wohl nicht wegen mangelnden Erfolgs, sondern vor allem, da die drei Hauptdarsteller keine Zeit für weitere Drehs finden konnten) fehlen viele der späteren Elemente und Figuren der Sage (Lancelot, Galahad, Mordred), die sicher in späteren Staffeln vorgekommen wären und zum Teil bereits angedeutet werden. Dies zeigt sich auch am Staffelfinale, das als solches gut funktioniert, als Serienfinale allerdings nicht wirklich angemessen ist – man merkt eindeutig, dass auf eine Fortsetzung spekuliert wurde.

Die Adaption der Figuren
Natürlich der wichtigste Punkt bei jeder Adaption der Artus-Sage. Wie wurden die Figuren, diese legendären Ikonen, deren Namen weithin bekannt sind, umgesetzt? Wie ist ihr Verhältnis, welche Freiheiten wurden genommen, um diese, man möchte fast sagen, „ausgelutschten“ Charaktere interessant zu halten?

Arthur (Jamie Campbell Bower) und Guinevere (Tamsin Egerton)

Ganz allgemein ist das Personal in „Camelot“ sehr jung und steht erst am Anfang seiner Karriere. Arthur und Guinevere (Tamsin Egerton) sind Anfang zwanzig, Morgan ein paar Jahre älter (maximal Anfang dreißig) und selbst Merlin dürfte, zumindest vom Erscheinungsbild her, die fünfzig noch nicht erreicht haben, allerdings werden immer wieder Andeutungen gemacht, er sei wesentlich älter, als er aussieht.
Arthur ist in Bezug auf die Umsetzung leider die größte Enttäuschung. Vielleicht liegt es daran, dass ich Jamie Campbell Bower nicht mag und ihn nicht wirklich ernst nehmen kann, aber er schafft es einfach nicht, den jungen, idealistischen und doch mit Fehlern geplagten Herrscher passend darzustellen. Campbell Bower schaut meistens mit Rehaugen umher und wirkt einfach nicht königlich. Zum Glück gibt es andere Figuren, die dafür sorgen, dass die Serie spannend und sehenswert ist. In erster Linie sind das natürlich Morgan und Merlin. Joseph Fiennes und Eva Green für diese Rollen zu casten war eindeutig die beste Entscheidung, die man hätte treffen können, denn diese beiden erstklassigen Schauspieler schaffen es, ihre Figuren absolut gelungen darzustellen.

Morgan (Eva Green)

Die große Widersacherin ist hier keine Meisterhexe, sondern eine Frau, die das möchte, was ihr ihrer Meinung nach zusteht: Den Thron von Britannien. Ihr Ideen und Vorstellungen sind dabei in der Tat fast schon (zu) fortschrittlich. Jedenfalls glaubt sie, dass ihre Herrschaft das Beste für das Volk ist. Dennoch wird sie auch von Zweifeln und Rückschlägen geplagt. In den magischen Künsten ist sie eher eine Adeptin, die Zauberei stellt für sie in erster Linie Mittel zum Zweck dar. Eva Green stellt Morgan als zerrissene, durchaus sympathische, aber auch getriebene Frau dar. Sie wandelt auf dem dünnen Grad der ernstzunehmenden und doch nachvollziehbaren Schurkin.
Noch interessanter ist Merlin, der hier, mehr denn je, als zwielichtige Figur auftritt. Er ist letztendlich derjenige, der dafür sorgt, dass Arthur den Thron besteigt. Der bekannteste Zauberer der Geschichte ist hier eindeutig ein Königsmacher, der intrigiert und manipuliert, um seine Ziele zu erreichen und dabei sehr zwielichtig erscheint. Wie Morgan auch verfügt er zwar über Magie, doch die Kosten sind enorm. In „Camelot“ verlangt die Anwendung von Magie stets einen hohen körperlichen Preis und besitzt gleichzeitig eine suchterzeugende Wirkung. Interessant ist dabei auch, wie viele der magischen Elemente entmystifiziert werden. Das Schwert im Stein (hier nicht mit Excalibur identisch) ist nur ein schwer erreichbares Schwert, das durch einen bestimmten Trick aus dem Stein gezogen werden kann. Die Herrin vom See ist eine Geschichte von Merlin, mit der er verschleiert, wie er tatsächlich das Schwert erlangt hat, welches hier „nur“ eine exzellent geschmiedete Waffe ist und keine magischen Fähigkeiten besitzt.

Merlin (Joseph Fiennes)

Joseph Fiennes stellt Merlin genau passend als zwielichtige, jedoch charismatische Figur dar, die sehr viel tun würde, um ihre Ziele zu erreichen. Interessanterweise erinnert mich Joseph Fiennes hier sogar ein wenig an seinen Bruder Ralph – was natürlich weitere Bonuspunkte bringt. In der Tat sind Morgan und Merlin als Figuren so stark, dass es wirkt, als würden sie Arthur lediglich als Spielball verwenden, ihrer Auseinandersetzung wird meistens mehr Zeit geschenkt als dem Handlungsstrang, der sich direkt mit dem König beschäftigt, was allerdings ebenfalls positiv ins Gewicht fällt.
Eine weitere interessante Änderung ist das Verhältnis zwischen Arthur und Guinevere bzw. die Dreiecksgeschichte. Lancelot fehlt in dieser Adaption völlig (vielleicht war ja ein Auftritt in einer späteren Staffel geplant), stattdessen ist Guinevere mit Leontes (Philip Winchester) verheiratet, einem von Arthurs treuesten Rittern, und Arthur selbst ist derjenige, der seinen treuen Freund verrät.
Zu den weiteren Charakteren, die eine größere oder kleinere Neuinterpretation erhalten, gehören unter anderem Gawain (Clive Standen), der hier als pragmatischer und zynischer Kämpfer dargestellt wird, der langsam Vertrauen zu seinem König fasst und Igraine, Arthurs Mutter, die in den meisten Bearbeitungen der Sage einfach verschwindet, nachdem sie Arthur geboren hat. Hier ist sie stattdessen eine aktive und fürsorgliche Figur, die mit Merlin ein mehr als freundschaftliches Verhältnis pflegt.
Einen interessanten Neuzugang stellt die mysteriöse Nonne Sybil dar, die als Morgans Lehrerin, Ratgeberin und rechte Hand fungiert und ebenso hinterlistig und intrigant ist wie ihre Herrin.

Fazit: Gelungene Neuinterpretation der Artus-Sage in Serienform, die leider nach der ersten Staffel abgesetzt wurde und deshalb noch nicht ihr volles Potential entfalten konnte. Dennoch ein gelungenes „King Arthur Begins“, das vor allem wegen der Glanzleistungen von Joseph Fiennes und Eva Green zu gefallen weiß und sich wunderbar eignet, um die Wartezeit auf die nächste Staffel von „Game of Thrones zu verkürzen. Die Staffelbox ist hierzulande am 8. Juni erschienen.

Trailer

Siehe auch:
Merlin
Game of Thrones Staffel 1

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