Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“

In den ersten beiden Artikeln mit dem Namen „Draculas aus anderer Perspektive“ habe ich drei Romane, „Anno Dracula“, „Der Vampir“ und „Vlad“ vorgestellt und rezensiert, die sich dem König der Vampire auf ganz unterschiedliche Art und Weise nähern. Im zweiten Artikel, praktisch der Fortsetzung, geht es um eine dreibändige Comicreihe, die sich ebenfalls mit dieser Figur und ihrem Hintergrund auseinandersetzt: „Auf Draculas Spuren“.
Autor aller drei Bände ist Yves H., die Zeichnungen stammen von unterschiedlichen Künstlern. Alle drei nähern sich Dracula von einem anderen Standpunkt. Der erste Band, „Vlad der Pfähler“, beschäftigt sich, ähnlich wie C.C. Humphreys Roman mit der historischen Figur Dracula, der zweite „Bram Stoker“, erzählt vom Autor des Romans und der dritte entführt seinen Leser schließlich in Draculas Heimat; nicht umsonst trägt er den Titel „Transsylvanien“.

Vlad der Pfähler
Der erste Band sammelt die historischen Informationen über Vlad III. und setzt sie graphisch um. Beim Lesen beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass sehr viel gesprungen wird. „Vlad“ ist in dieser Hinsicht um ein vielfaches besser konstruiert, da der Roman nicht, wie dieser Comic, einfach nur Szenen aus dem Leben des Pfählers zeigt, sondern diese auch erklärt und sie auf glaubhafte und sinnvolle Weise miteinander verbindet und ergänzt. Draculas Taten werden für den Leser dadurch zumindest ein wenig nachvollziehbarer.
Das größte Problem des Comics ist, dass jemand, der mit der Biographie des Pfählers nicht vertraut ist, Probleme haben wird, alles zu verstehen (auch und vor allem politische Hintergründe betreffend), während jemand, der sich mit Vlad auskennt, nicht viel Neues erfahren wird.
Die Zeichnungen von Hermann empfand ich ähnlich zwiespältig; sie sind zwar teilweise durchaus detailliert, aber gerade die Gesichter sehen irgendwie merkwürdig aus. Die helle Kolorierung sorgt dafür, dass die Grundatmosphäre sehr kalt ist, was den Zeichnungen zusätzlich noch Charme raubt.
Fazit: „Vlad der Pfähler“ bietet sowohl für den Laien als auch für den Experten einfach zu wenig. Wer sich mit dem historischen Dracula beschäftigen möchte, sollte entweder zu einem Sachbuch oder zu C.C. Humphreys hervorragendem Historienroman „Vlad“ greifen.

Bram Stoker
Dieser Band ist sowohl graphisch als auch inhaltlich der interessanteste. Ich muss zugeben, dass ich mich mit dem Autor von „Dracula“ zuvor nie richtig beschäftigt habe; wenn man seinen Lebenslauf irgendwo liest, kommt dieser einem doch recht bieder vor, gerade im Vergleich zu seinem Werk.
Doch der Comic belehrt den Leser eines Besseren: In extrem düsteren, poetischen Bildern, die ein wenig an eine Negativversion von Eddie Campbells Zeichnungen für „From Hell“ erinnern, erzählen Yves H. und Séra, der Zeichner dieses Bandes, die hochinteressante Geschichte eines abhängigen Mannes und wie er mit dieser Abhängigkeit umgeht. Dabei geht es allerdings nicht um Alkohol oder Drogen; Bram Stoker ist (bzw. war) abhängig von dem Schauspieler John Irving, von dessen Gunst und Wertschätzung. Stoker war Irvings Partner, Regisseur, Sekretär und Prügelknabe in einer Person und es ist äußerst faszinierend zu lesen, wie die Hassliebe zu seinem Arbeitgeber Stokers Roman beeinflusste.
Fazit: Beim zweiten Band macht Yves H. nicht denselben Fehler wie beim ersten; er ist auch ohne Vorkenntnis der Materie sehr gut zu verstehen, extrem interessant und hilft, „Dracula“ besser zu verstehen.

Transsylvanien
Ich weiß nicht so recht, ob man diesen dritten Band eher als „Vampirstory mit integrierter Sightseeing-Tour“ oder als „Sightseeing-Tour mit integrierter Vampirstory“ bezeichnen soll. Ist auch einerlei, beides trifft es relativ gut. Yves H. und sein Zeichner Dany schicken jedenfalls ein junges Pärchen durch Transsylvanien. Er ist Comickünstler und reist nach Rumänien, um sich für einen anstehenden Vampircomic zu inspirieren (sind das autobiographische Elemente?), sie kommt halt mal mit.
Was die beiden, neben Schauplätzen aus Vlad Draculas Leben erwartet, ist eine relativ konventionelle, leicht an Stokers Roman angelehnte Vampirgeschichte mit ein wenig Blut und ein wenig Erotik.
Die Zeichnungen wirken dabei merkwürdig fehl am Platz, Danys Stil passt eher zu humorvollen und weniger ernsten Comics; hier wirken die Zeichnungen, als hätte sich der Künstler gezwungen, etwas ernstes und düsteres zu machen und wäre daran gescheitert.
Fazit: Der dritte Band bietet relativ gewöhnliche Genrekost in einem verkehrten Gewand. Impressionen von Rumänien bekommt man auch anders.

Gesamtfazit: Wirklich lohnend ist nur der zweite Band, der sich mit Bram Stoker auseinandersetzt, da er eine interessante Geschichte und außergewöhnliche, ja fast schon visionäre Zeichnungen zu bieten hat. Band 1 und 3 sind dagegen eher enttäuschend.

Leider findet man im Internet so gut wie keine Bilder zu oder aus dieser Serie.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“

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