Twilight – Bis(s) zum Erbrechen

Wie aus dem Titel dieses Artikels eventuell hervorgeht, ist meine Einstellung zu Stephenie Meyers Vampiropus nicht unbedingt positiv.
Um meine Meinung zur Twilight-Saga ausführlich darlegen zu können, muss ich allerdings etwas weiter ausholen:
Seit ich im zarten Kindergartenalter zum ersten Mal ein Hörspiel der Serie „Der Kleine Vampir“ hörte, faszinierten mich die Blutsauger. Den „Kleinen Vampir“ habe ich inzwischen mehr oder weniger hinter mir gelassen, den Vampir an sich aber keinesfalls. Mit der Zeit bin ich auf „härtere Sachen“ umgestiegen; Filme, Romane, Comics, Rollenspiele, das volle Programm. Natürlich bleibt man irgendwann an Dracula hängen, da Bram Stokers Roman quasi den Kern des Vampirs in Literatur und Film darstellt; Stoker war es, der den Vampir definierte. Praktisch jeder Autor, Filmemacher und sonstiger Vampirschaffender bezieht sich auf irgendeine Art und Weise auf Stoker, und wenn es nur das Vorhaben ist, sich von ihm und seinen Regeln zu distanzieren.
Als dann „Twilight“ (alias „Bis(s) zum Morgengrauen“) populär wurde, war natürlich auch mein Interesse geweckt. Zwar war von Anfang an klar, dass es sich hierbei um romantische Vampire handeln würde, und Romantisches ist sonst eher weniger mein Fall, aber immerhin sind die Kreaturen der Nacht, die in Anne Rice’ Romanen ihr Unwesen treiben, auch eher romantischer Natur, und ich kann ihnen trotzdem einiges abgewinnen.
Um es kurz zu machen: Ja, ich habe alle vier Romane gelesen und auch den ersten Film auf DVD gesehen. Die Handlung sollte ja weitestgehend bekannt sein: Vampir Edward verliebt sich in Mensch Bella und das Für und Wider diese Beziehung wird in vier dicken Wälzern durchgekaut, inklusive bösartiger Vampirstalker, Dreiecksbeziehungen zu Werwölfen, alter Orden und diverser anderer Störungen.
Ich muss durchaus gestehen, dass ich Stephenie Meyer bewundere; zwar ist ihr Stil nicht wirklich anspruchsvoll, allerdings hat sie die verblüffende Gabe, ihre Leser vollkommen zu fesseln, und das, obwohl teilweise auf mehreren hundert Seiten praktisch gar nichts passiert. Es werden belanglose Gespräche geführt, die Figuren gehen mal hierhin, mal dorthin, aber das ganze ist für die Handlung vollkommen irrelevant. Und dennoch bleibt man hoffnungslos am Papier hängen, ohne genau zu wissen, warum eigentlich.
Wobei das eigentlich schon so ziemlich alles ist, was ich an Positivem an der Twilight-Saga finden konnte (interessanterweise habe trotzdem alle vier Bände gelesen, warum ist mir im Nachhinein selbst ein Rätsel).
Handlung und Figurenpersonal sind leider derart schmalzig und uninteressant, dass es schon fast wehtut. Bella geht einem mit ihrem ewigen Gemecker und ihren Depressionen einfach irgendwann vollkommen auf die Nerven, während Edward samt vampirischem Anhang trotz ihres Daseinszustandes vollkommen zahnlos daherkommen. Vor allem in der Verfilmung fällt dies auf.
Mit dem Brechen und Dehnen der von Stoker aufgestellten Gesetze könnte ich noch leben (das haben auch schon viele andere Autoren und Filmemacher getan, deren Werke trotzdem sehr gut bis exzellent sind), aber dennoch sollte der Vampir, wenn es sich nicht gerade um die Kinderbuchvariante handelt, eine besondere Aura haben, etwas Gefährliches, die Präsenz eines Jägers. Von dem Zwiespalt zwischen Menschlichkeit und Bestie wird in Film und Romanen zwar viel gesprochen, aber es kommt nie authentisch rüber. Robert Pattinson wirkt auf mich lediglich wie ein sehr blasser Posterboy, aber keinesfalls wie ein Raubtier. Ganz anders sind dagegen Lestat (gespielt von Tom Cruise) in „Interview mit einem Vampir“ oder Dracula (Gary Oldman) in „Bram Stoker’s Dracula“. Beides sind Vampirfilme mit sehr romantischen Anklängen, und beiden Vampirfiguren nimmt man sowohl die Sehnsucht nach Liebe als auch die Gier nach Blut vollkommen ab. Edward wirkt dagegen, obwohl er in der Sonne schön glitzern kann, einfach lahm.
Die einzig halbwegs glaubhafte Hauptfigur ist der Werwolf Jacob, er weiß wenigstens, was er will, und kämpft auch darum. Aber der ganze Rest ist furchtbar elegisch und immer bemüht, es allen anderen ja recht zu machen.
Die Plots, zumindest die der ersten drei Bände, sofern man von Plots sprechen kann, sind leider fast immer dieselben: Irgendwann taucht ein ganz böser Vampir auf, der die idyllische Depriwelt kaputt macht (im zweiten Band gibt es immerhin die Variation, dass sich Edward aus Lebensmüdigkeit selbst zu den ganz bösen Vampiren begibt), und der dann seinerseits kaputt gemacht (oder im Falle der Volturi beschwichtigt) werden muss.
Dennoch ergeben die ersten drei Bände als Kitschromanze ein halbwegs homogenes Ganzes, doch der vierte Band, „Breaking Dawn“ (dt. „Bis(s) zum Ende der Nacht“) zerstört auch das noch systematisch und stellt in jeder Hinsicht den negativen Höhepunkt der Reihe dar.
Nicht nur wimmelt er vor Merkwürdigkeiten (und damit meine ich keine positiven Merkwürdigkeiten, wie sie in Tim Burtons Filmen zu finden sind), die Konfliktlösungen, sofern man davon überhaupt sprechen kann, sind so konfrontationsfrei, dass das Ende des dritten Bandes schlicht befriedigender ist als jede Klärung des vierten Teils.
Fortdauernde Vermeidung von Konfrontation ist wohl die richtige Formulierung für dieses Buch; die Dreiecksgeschichte Bella-Edward-Jacob löst sich durch Bellas Schwangerschaft auf, Jacob wird auf das mit dem selten dämlichen Namen Renesmee ausgestattete Balg „geprägt“, was zur Folge hat, dass er Bella, die natürlich nur ihren Edward will, nun als nur-Freundin akzeptieren kann.
Weiter geht es mit Bellas Vampirwerdung, deren besondere Fähigkeit (da ja jeder Vampir eine ganz eigene Superkraft hat) absolute Kontrolle über ihren Blutdurst ist. Wie langweilig. Wenn ich da an die Probleme von Louis aus „Interview mit einem Vampir“ denke…
Doch den Höhepunkt an Konforntationsvermeidung stellt das „Finale“ dar. Wegen eines „Missverständnisses“ kommen die Volturi, um die Cullens zu befragen/zu vernichten. Auf mehreren hundert Seiten bereitet man sich auf den Konflikt vor und ruft Verbündete zusammen, sodass die Vampire endgültig zu Superhelden mutieren. Es wird ewig trainiert und sogar Bella lernt kämpfen.
Die Volturi kommen ebenfalls mit ihrem ganzen Superheldenanhang, man trifft sich auf einer Lichtung und erwartet jetzt wenigstens noch ein wenig Action, Mal eine größere Schlacht zwischen den Supervampiren, und was kommt? Nichts.
Gelaber, und dann ziehen die Volturi wieder ab und alles ist Friede, Freude Eierkuchen.
Was neben Charakter- und Handlunsmängeln ebenfalls sauer aufstößt, ist die mormonische Enthalsamkeit-vor-der-Ehe Botschaft, die Stephenie Meyer hier leidenschaftlich vertritt und die mir ebenso auf die Nerven geht wie Bellas Emostimmung. Mit mehr oder weniger unterschwellig-religiösen Botschaften tue ich mich allerdings im Allgemeinen eher schwer. Zwar ist Meyer nicht ganz so plakativ wie zum Beispiel C.S. Lewis in „Narnia“, aber mich hat es doch gestört.
Was bleibt also als Fazit? Für mich, kurz gesprochen: Stilistisch Hui, inhaltlich Pfui.
Für Liebhaber von kitschigen, oft zum Teil auch unfreiwillig komischen Romanzen durchweg empfehlenswert, zumindest die ersten drei Bände (der vierte enthält, wie oben beschreiben, nur noch Unsinn). Und, zugegeben, die Wälzer lesen sich toll und leicht, auch wenn ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Aber all diejenigen, die lebensnahe, interessante oder exzentrische Figuren, richtige Handlungen oder Vampire im Allgemeinen mögen, sollten von der Twilight-Saga tunlichst die Finger lassen.

Siehe auch:
New Moon
Eclipse
Breaking Dawn

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Ein Kommentar zu “Twilight – Bis(s) zum Erbrechen

  1. Kristy sagt:

    „Die Volturi kommen ebenfalls mit ihrem ganzen Superheldenanhang, man trifft sich auf einer Lichtung und erwartet jetzt wenigstens noch ein wenig Action, Mal eine größere Schlacht zwischen den Supervampiren, und was kommt? Nichts.“

    Danke! Du sprichst mir sowas von aus der Seele! Mehr als bloß tagelang habe ich mich darüber aufgeregt, wie man die einzige Figur mit wenigstens ein bisschen Eigencharakter, die irre Alice, erst aus dem Plot streichen kann, um sie dann zurückzuschicken und dadurch den ganzen SEIT DER ERSTEN SEITE VORBEREITETEN Krieg einfach mal ausfallen zu lassen. Ich hatte noch die Hoffnung, dass sich die Story in der deutschen Übersetzung noch ändert. War leider nur noch langweiliger.

    Robert P. als Edward und KStew als Bella sind eh die größten Fehlbesetzungen der Filmgeschichte. Einzig Chris Weitz als Regisseur für den zweiten Teil zu engagieren war eine gute Idee, vermutlich die einzig gute Idee was die Verfilmung anbetrifft.

    Jedenfalls danke für diesen Beitrag, gut zu wissen, dass es noch andere Gleichgesinnte gibt 😉

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