Das Labyrinth der Träumenden Bücher


Walter Moers‘ Zamonienromane, speziell „Die Stadt der Träumenden Bücher“, eines meiner absoluten Lieblingsbücher, sind Fantasy der eher ungewöhnlichen Art. Der Erfinder von Käpt’n Blaubär und dem kleinen Arschloch nutzt den fiktiven und von fantastischen Wesen bevölkerten Kontinent Zamonien, um allerlei literarische Experimente durchzuführen. Dabei sind bisher fünf (bzw. sechs) ziemlich außergewöhnliche Romane entstanden, die sich durch enorme Fantasie und Detailfülle auszeichnen. Die Zamonienromane hängen dabei nur lose zusammen, theoretisch kann jeder für sich selbst gelesen werden. Drei („Das Labyrinth der Träumenden Bücher“, auf den die Selbständigkeit aber nicht mehr zutrifft, miteingerechnet vier) dieser Bücher stammen aus der „Feder“ des Lindwurmdichters Hildegunst von Mythenmetz, der der erfolgreichste und bekannteste Schriftsteller Zamoniens ist und dessen Werke Moers lediglich „übersetzt“. Bei „Ensel und Krete“ und „Der Schrecksenmeister“ (in Erscheinungsreihenfolge: Band 2 und 5) handelt es sich um eigenständige Romane, während sowohl „Die Stadt der Träumenden Bücher“ als auch das Sujet dieses Reviews Teile von Mythenmetz‘ Autobiografie „Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers“ sind; in der Tat ist „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ eine direkte Fortsetzung und kann ohne Kenntnis des ersten Teils der „Reiseerinnerungen“ nicht verstanden werden.
Zum Inhalt: Hildegunst von Mythenmetz kehrt nach Buchhaim zurück. 200 Jahre sind seit seinem ersten Besuch in der Stadt der Träumenden Bücher vergangen. Seither ist Mythenmetz ein enorm erfolgreicher Schriftsteller geworden, dem der Ruhm inzwischen zu Kopf gestiegen ist und der sich in seinem Erfolg und seiner Selbstgefälligkeit sonnt. Das alles wird durch einen Brief aus Buchhaim (genauer: der ledernen Grotte; als Absender ist sein eigener Name angegeben) geändert, der Mythenmetz‘ Stil und seine Eigenheiten perfekt parodiert und ihn aus seinem Trott reist. Der Lindwurm beschließt, ein weiteres Mal nach Buchhaim zu reisen und…nun ja, sehr viel mehr Plot gibt es nicht. Das restliche Buch hindurch streift Mythenmetz durch Buchhaim, trifft alte Bekannte und neue skurrile Figuren, entdeckt die vielen Veränderungen der letzten 200 Jahre und erforscht die Mysterien des Puppetismus.
Ich persönlich finde „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ äußerst schwierig zu bewerten.
In vielerlei Hinsicht ähnelt dieser Roman der ersten Hälfte von „Die Stadt der Träumenden Bücher“, das Problem ist, dass „Labyrinth“ an der Stelle, an der die Handlung eigentlich losgeht, abbricht und der Leser erklärt bekommt, dass es einen weiteren Band geben wird und dass er gerade einmal die Ouvertüre der eigentlichen Geschichte gelesen hat. Das wirft unweigerlich sofort die Frage auf, ob alles, was zuvor geschildert wurde, wirklich nötig war. Schon in früheren Zamonienromanen konnte man merken, dass Moers sehr viel Zeit auf Details verwendet, aber für gewöhnlich wurden diese Details später noch für die Geschichte wichtig. Das Paradebeispiel ist „Rumo und die Wunder im Dunkeln“: Zu Beginn dieses Romans bekommt der Titelheld eine Geschichte erzählt, die sich später als wichtiger Teil des Plots herausstellt. Auf diese Weise war jeder bisherige Roman eine „runde Sache“ und die Detailfülle war gerechtfertigt. „Labyrinth“ dagegen ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Moers schickt seinen Helden durch Buchhaim und ergeht sich in Details, ohne dass es einen sichtbaren Zusammenhang zur Haupthandlung gibt, die sich sowieso kaum erahnen lässt. Natürlich lässt sich das teilweise dadurch entschuldigen, dass es eben der erste Band einer Duologie ist, aber selbst für einen solchen bekommt man als Leser einfach zu wenig vom Gesamtbild mit.
Letztendlich stellt sich nun die Frage, weshalb „Labyrinth“ so geworden ist, und dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Vielleicht wurde der Roman wirklich zu üppig und lang (und Moers konnte die Deadline nicht einhalten o.ä.), weshalb „Labyrinth“ unterteilt wurde – dies geschah dann aber, aus den bereits geschilderten Gründen, an einer denkbar schlechten Stelle und hätte evtl. eine Überarbeitung erfordert, sodass der Roman nicht so „sinnlos“ wirkt.
Natürlich ist es ebenso möglich, dass Moers sich zu sehr in Buchhaim (und insbesondere in den Puppetismus) verliebt hat oder dass er in der Tat nicht weiß, wie die Geschichte weitergehen soll und er deswegen auf der Stelle tritt. Oder seine literarischen Experimente werden mit der Zeit gewagter – immerhin sind die Zamonienromane inzwischen äußerst erfolgreich und haben einige Fans, den Autor dieses Artikels miteinbezogen – sodass man sich derartiges nun leisten kann. Vielleicht soll der Roman wirklich Mythenmetz‘ Schaffensphase und die zu Beginn geschilderte Stagnation des Lindwurms darstellen. Vielleicht wird „Labyrinth“ erst zusammen mit dem folgenden Buch eine wirklich gelungene und würdige Fortsetzung von „Die Stadt der Träumenden Bücher“ – Moers ist als Autor unberechenbar genug, dass ihm jede der genannten Möglichkeiten zuzutrauen wäre. Das sind allerdings zugegebenermaßen sehr viele „Vielleichts“.
Aus den genannten Gründen haben viele Kritiker den Roman völlig verrissen und beschreiben ihn zum Teil als vollkommen langweilig und sehr zäh zu lesen. Während viele ihrer Kritikpunkte, die auch ich geschildert habe, durchaus zutreffen, kann ich diesen nicht nachvollziehen. In gewisser Hinsicht ähnelt „Labyrinth“ den Twilight-Romanen: Auf vielen hundert Seiten passiert nichts, was wirklich relevant wäre, aber aus einem merkwürdigen Grund ist es trotzdem fesselnd (natürlich ist selbst „Labyrinth“ sämtlichen Stephenie-Meyer-Romanen haushoch überlegen). Moers‘ Schreibstil ist immer noch sehr angenehm zu lesen, man kommt (die Lektüre von „Die Stadt der Träumenden Bücher“ vorausgesetzt) sehr schnell in die Geschichte hinein und das Wiedersehen mit Buchhaim ist erfreulich und interessant.
Wem gut ausgearbeitete Sekundärwelten und die vielen Anspielungen auf Literatur, Musik etc. in den anderen Zamonienromanen gefallen haben, der wird auch, wie ich, durchaus Gefallen an „Labyrinth“ haben. Wer jedoch Moers‘ Beschreibungen der zamonischen Kultur, Wissenschaft, Literatur und Eigenheiten schon vorher langweilig fand, wird mit diesem Roman absolut nichts anfangen können, da er praktisch ausschließlich daraus besteht.
Noch anzumerken wäre, das der Titel eigentlich falsch ist (sofern er nicht den nächsten Band miteinfasst), denn das eigentlich Labyrinth unter der Stadt Buchhaim kommt nicht wirklich vor, es wird lediglich darüber gesprochen.
Fazit: Ein Fazit für den sechsten Zamonienroman zu finden ist schwierig. Hat er mich gut unterhalten? Auf jeden Fall. Wird er den anderen, insbesondere „Die Stadt der Träumenden Bücher“ gerecht? Bei weitem nicht. „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ hat viele Details und tolle Einfälle, aber kaum Handlung. Ein endgültiges Resümee werde ich aber erst ziehen, nach dem ich die angekündigte Fortsetzung gelesen habe.

Siehe auch:
Die Stadt der Träumenden Bücher

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